Balkan: Wien – Neo Marmaras – Wien

Lambretta Jet 200 übernommen Sept. 2008 und seit dem 45573km.
000000km

Distanz: 6510km (hin & Retoure)
Zeitraum: 31.7. – 1.9.2015

Verbrauchtes Material auf dieser Reise:
Öl & Benzin
1x Mitas S07 Reifen
3x Agfa CT-Precisa-100-36 Fotofilm

Balkan 2015

Wie ich einen Reisebericht zu schreiben beginne, sollte ich mittlerweile wissen. Wie ich einen Roller in Bewegung bringe, ebenso. Mir fehlt aber dieses Mal der große Aufhänger für eine besondere Reise. Ich hatte gerade kein Diplom abgeschlossen und auch nicht wirklich den harten Drang, das Weite zu suchen um die Welt zu entdecken. Nur den glücklichen Umstand, etwas Geld übrig zu haben und genug Urlaubsanspruch um einfach zu gehen. Einfach so. Nach dem ich den Süd-Westen Europas durchquert hatte und eigentlich den großen Plan umsetzen wollte, das Schwarze Meer zu umfahren um über die Krim wieder heimzukehren, haben mir aber leider ein paar Vollidioten einen Strich durch meine Rechnung gemacht. Eine andere Route, die ich bis her noch gar nicht kannte war der Balkan, genauer das ehemalige Jugoslawien. Aus meinen Erinnerungen an meine frühe Kindheit weiß ich noch, dass viele Kinder mit ihren Eltern nach Jugoslawien auf Urlaub gefahren sind und kann mich auch noch sehr genau erinnern, als ein Mädchen aus dieser Gegend bei uns in der Volksschule aufgenommen wurde. Warum damals schon gleichaltrige Kinder sich darüber erbost haben, kann ich bis heute noch nicht verstehen. Wir waren damals Achtjährige.

Meine Reisevorbereitungen waren schnell zusammengefasst. Bessere Packmöglichkeiten als bei meinen ersten Reisen waren Priorität. Gepäckträger vorne und hinten fielen weg und der Reservereifen wurde zur Gepäckhalterung umfunktioniert. So habe ich schon einiges an Material in Wien herumgeführt und gelernt, wie sich Waren gut am Roller transportieren lassen. Um die restlichen Utensilien wie Öl, Werkzeug und Ersatzteile unterzubringen, bin ich auf Satteltaschen umgestiegen. Nach dem mich die Angebote der Motorradausstatter nicht befriedigt haben und ich auch ungerne auf Ledersatteltaschen mit Leopardenfellimitat und Fransen zurückgreifen wollte, fiel meine Überlegung hin zu den anderen Reisenden auf einem Sattel. Eine gebrauchte Satteltasche, sie roch noch nach Pferd und war eigentlich perfekt. Die beste Tarnung für Gegenden, wo nur der Geruch der Natur zählt. Ein Näher meines Vertrauens hat diese noch so gekürzt, dass sie auf die Schulterhöhe meiner Lambretta passend gemacht wurde. Um etwas kompakter zu Reisen habe ich auch mein Boardwerkzeug etwas ausgedünnt. Vieles würde ich auch in der örtlichen Werkstatt finden, wenn von Nöten. Außerdem hatte ich ja auch nicht vor, an meinem Roller zu schrauben und das letzte Service war auch vielversprechend. Letzte Investitionen waren noch ausständig. Handschuhe, ein Reservekolben und ein Zigarettenanzünder im Beinschild für das Navigationsgerät. Zwei dieser drei hätte ich mir einfach so schenken können.

Nach dem ich von der technischen Seite reisebereit war, blieben noch ein paar organisatorische Punkte offen. Mein Arbeitsplatz war aufgeräumt und alles aufgearbeitet, meine Pflanzen wurden meinen Nachbarn zur Betreuung übergeben und das Reiseziel wurde sehr plötzlich konkret. Fotojulia in Chalkidiki, die kleine Julia mit dem Truck in Thessaloniki und Vinca in Agios Ioannis. Philip war im August auf Kreta. Schwerpunkt Griechenland.

Warum nicht?

Am Tag vor meiner Abfahrt waren meine persönlichen Dinge gepackt. Campingkocher und Espressomaschiene, denn etwas Luxus darf sein. Zelt, Schlafsack und Hygieneartikel, die handgefertigte Kaffesudseife immer dabei. Etwas leichte Leselektüre, „Der lange Weg nach Ägypten“, ich wünschte der Name wäre Programm. Leider ist es unmöglich. Alles war fertig gepackt, nur die eine große Frage stand für mich im Raum: Lange Socken oder kurze. Von drei Paar Socken nahm ich zum Schluss die drei kurzen mit, es ging ja schließlich in den Süden und die erste kurze Tagesetappe zum Balaton war auch schnell gefahren.

Als ich am Freitag gegen 9:30h von meiner Wohnung in Wien aufbrach war es, als würde ich wie so oft zur Arbeit fahren oder sonst wo hin. Nur einfach Richtung Süden. Ich konnte auch noch nicht wirklich realisieren, auf was ich mich schon wieder eingelassen hatte. Ein merkwürdiges, ein unangenehmes und ein neugieriges Gefühl begleitete mich die B16 entlang Richtung Ungarn. Das unangenehme Gefühl wurde bald sehr unangenehm und ließ mich recht bald vor dem nächsten KIK stoppen. Ich ging schnurstracks rein, nach hinten zur Sockenwühlkiste und fand mir um 79 Cent ein paar lange graue Socken in meiner Größe mit einem Totenkopf eingestickt. Jetzt war alles stimmig. Ich fühlte mich sehr gefährlich mit meinen neuen langen und warmen Totenkopfsocken. Kein Gauner würde es wagen! Das merkwürdig-neugierige Gefühl allerdings wurde stärker, immer stärker.

Etwa eine Stunde später passierte ich die Grenze nach Ungarn. Es war wie erwartet. Die Grenze war passiert und die Landschaft änderte sich. Büsche und Bäume wuchsen bis zum Straßenrand und wurden nicht einfach gerodet um alles übersichtlicher zu gestalten. Pferdefuhrwerk-fahren-verboten auf der Umfahrungsstraße von Sopron. Durch Ungarn ging es immer gefühlt gerade aus. Das Navi war abgedreht und ich pflügte durch die Puszta. Bald war ich am Balaton angekommen, zu bald. Viele Autos mit deutschen Nummerntafeln, viel Tourismus, viele Radfahrer und eigentlich nichts was mich hier hielt. Im Hinterkopf noch die Worte eines Kollegen im O-Ton: „Schau, dass du Meter machst und schnell runter kommst…“.

In diesem Sinne, der Benzin rinne.

An einer Kreisverkehrsausfahrt habe ich das Navi in Betrieb genommen und meine ungefähre Route Richtung Bosnien einzugeben. Ich weiß, man soll nicht navigieren und gleichzeitig fahren, aber wenn einem so ein Gerät zur Verfügung steht, will man das auch nutzen. Doch da kam es in einer sekundenschnellen Abfolge an Geschehnissen schon zum ersten kapitalen Ausfall und das gleich am ersten Tag meiner Reise! Ich probiere nun diese blitzschnelle Ereignisabfolge zu deuten. Ich sah im Augenwinkel eine Wespe auf meiner Lederjacke sitzen. Diese hat sich hartnäckig angedockt und ich konnte sie nur mit mehreren schubsern von mir trennen. Dabei fiel mir auf, dass mein Reißverschluss schon wieder weiter offen war, der hielt nicht ganz perfekt nach oben. Vor lauter Navi und Radfahrer und Wespe und Autos mit deutschem Kennzeichen riss ich den Reißverschluss nach oben und wollte weg. Im selben Moment hatte ich den einen Teil des Zips, also des Verschlusses, in meiner Hand gehalten und die Hinterseite dessen blieb im Verborgenen in meiner Lederjacke. Toll, man denkt an alles. Werkzeug und Ersatzteile, neue Handschuhe, Wäschekluppen um seine Kleidung zum Trocken zu hängen. Niemals jedoch daran, was sein wird, wenn die Lederjacke nicht richtig schließt. Ohne mich viel zu bewegen fuhr ich weiter Richtung kroatische Grenze. Mir war klar, wenn ich einmal die Jacke aufmache geht der Zip nie wieder zu. Das wäre eine zu harte Aufgabe für einen Monat reisen. Spätestens am Grenzposten musste ich aber an meinen Reisepass, der in der inneren Brusttasche war. Ich hielt Aussicht nach einem Schneider oder Schuster. Mit Leder können die Ungarn sicher gut umgehen, das war klar.

Trotz Fahrtwind unter meiner Jacke kam ich gut voran. Nach einem größeren Käfereinschlag blieb ich kurz am Straßenrand stehen. Die Jacke war schon ziemlich weit offen. So macht das keinen Spaß. Insekten jeder Art können unglaublich irritierend wirken, sobald sie sich unter dem Helm, im Ärmel oder in der Jacke befinden. Auf Sonnenbrillen! In jeder Form. So was lernt einem in der Fahrschule niemand.

Im Süden Ungarns fuhr ich kurz vor der kroatischen Grenze durch ein sehr grünes Dorf. Der örtliche Gartengestaltungsverein hatte vom Ortsbeginn bis zum Ende eine Art tropische Pflanze eingesetzte, die das ganze Ortsbild prägten. Es ist so schön, mit welchen einfachen Mitteln sich da ein roter Faden durch den ganzen Ort ziehen lässt. Es waren nur mehr wenige Kilometer bis nach Kroatien. Die Grenze war schnell passiert, ich bald wieder in voller Fahrt und der Zip noch immer ziemlich weit offen. in einer größeren Ortschaft blieb ich spontan stehen und ging in einen Eisenwarenladen oder eher Gemischtwaren-Geissler für allmögliches Verbrauchsmaterial. Das von mir gesuchte Gewebeband lag am Tisch gleich neben der Kassa. Offensichtlich ein Bestseller. Leider in Silber aber dafür sehr gut haftend. Noch im Geschäft habe ich das Klebeband ausgepackt und meine Jacke mit mehreren Streifen gut verklebt. Der Verkäufer hat mir zugestimmt: „Das klebt alles!“. Das war einmal eine sehr gute Alternative zum Schneider, der doch nicht so einfach an der nächsten Straßenecke auftauchen wollte.

Was nicht ist, kann ja noch werden.

Bosnien
Bosnien

Geschlossen mit meiner Lederjacke und meiner Lambretta, alles dicht und weiter gegen Süden. Es war mittlerweile schon Nachmittag geworden. Nach dem ich die hügelige Landschaft und Straßen nutzte, um mit Schwung voran zu kommen, bremste ich in einer geschwindigkeitsbeschränkten Zone etwas zu langsam, oder vielleicht auch gar nicht. Nach der Kreuzung hinter einem Verkehrsschild stand ein Streifenbeamter mit Motorrad und Laserpistole. Danke! Schönen Gruß an zu Hause in Form eines Strafzettels, Postkarte folgt. Ich fuhr weiter und überholte an einer langen Geraden einen Zug, der gerade zu mir parallel eine Brücke überrollte. Während dessen befand ich mich selber auf einer betonierten Bundesstraßenbrücke. Das war schon ein sehr mathematisches Überholmanöver. Ich fühlte mich in einer Textaufgabe gefangen, wie ich sie zuletzt in meiner Schulzeit lösen musste. Im darauf folgenden Flachland hielt mich ein Bahnschranken zum stoppte. Ich war sehr kurz vor dem Grenzübergang Jasenovac. Langsam an der stehenden Kolonne vorbei, am geschlossenen Schranken war Halt. Der moderne Personenzug, den ich schon vor einigen Hundert Metern in der sumpfigen Auenlandschaft überholt hatte, als er über eine alte grüne Stahlbrücke fuhr, ließ mich warten. Meinem Motor hatte ich abgestellt. Als ich aber von hinten das Geräusch eines anderen Motorrades hörte, warf ich einen Blick über meine Schulter. Der Uniformierte von zuvor fuhr auf mich zu, blieb stehen und wendete. Was auch immer das zu bedeuten hatte, es war mir egal. Der Zug war weg und ich auf meinem Weg, vorbei an der betonierten Blume von Jasenovac, die an ein ehemalige KZ erinnert. Vorbei an dem riesigen angeschwemmten Wurzelstock, der ein weiteres Denkmal an der Sava bildet. Aber nicht vorbei an der nächsten Warteschlange am Grenzposten. Aus Respekt blieb ich in der Reihe und fuhr nicht vor, obwohl das mit einem Motorrad schon verlockend einfach geht.

Am Übergang wies ich mich mit meinem Reisepass aus aber der Herr am Schalter war nicht ganz zu frieden. Das grüne Papier, zelena papir, der Internationale Versicherungsnachweis! Ich habe mich ja schon immer gefragt, warum mir meine Versicherung so was in regelmäßigen Abständen zu schickt. Jetzt fahre ich schon so lange durch die Gegend und noch nie wurde ich von jemanden nach diesem Dokument gefragt. Ich hatte es nicht bei mir, eindeutig mein Problem. Mit meinen paar Brocken Tschechisch verständigte ich mich nicht schlecht. 10€ bei ihm direkt zu zahlen oder 20€ vorne beim Kiosk, da bekomme ich auch eine temporäre Versicherung mit Formular. Der Briefkopf war mit einem rot-weiß-roten Logo bestückt, Wiener Städtische. Nach dem ich meine Deppensteuer entrichtet hatte, ging es weiter. Kein guter erster Eindruck von meiner Seite, für den ich gesorgt hatte. Bosnien war aber noch größer und das war erst der Anfang.

Das Ende des Tages war langsam angebrochen und ich fand noch immer keinen Anhaltspunkt um stehen zu bleiben oder auch nur irgendeinen klugen Gedanken, wo ich meine erste Nacht auf Reisen verbringen werde. Im Vorfeld habe ich so einiges durchgedacht. Couchsurfen vielleicht oder einfach wo anklopfen um zu fragen, ob ich das Zelt im Garten oder Feld aufschlagen darf. Für ersteres benötigt man eine permanente Internetverbindung, um mit der Couch zu kommunizieren. Außerdem hielt ich die Wahrscheinlichkeit für sehr gering, dass ich am selben Tag, kurzfristig in einer beliebigen Ortschaft oder Stadt auf meinem Weg, eine Unterkunft angeboten bekomme. Die zweite Möglichkeit ging ich auch mehrfach in Gedanken durch, während ich durch kleine bosnische Dörfer fuhr. Natürlich wären die Leute hier am Land sehr gastfreundlich, das sagt man ihnen voraus. Wenn ich mich aber nun in jemand anderes Lage versetzte, sieht das vermutlich so aus: Es klopft an der Tür während ich Abendesse. Ich öffne und eine Gestalt steht vor mir, die aussieht wie ich. Hinter ihr die Sonne, ich erkenne nur Umrisse. Einen Schritt zurück, eine Person mit Helm und Lederjacke, noch dazu das Klebeband. Die Augen, weit offen wie Riesenräder. Sie strahlen stechend vor lauter Adrenalin, dass der Körper dank der langen Fahrt regelmäßig freisetzt und im Kreise pumpt. Da würde ich mich doch etwas wundern, über mein Gegenüber, also über mich selbst. Anhand meiner Gedankengänge wusste ich ganz klar, es war Zeit zu schlafen.

Mein Schatten wurde immer länger, hinter jeder zweiten Kurve war es schattig, kurz darauf in jeder. Eine kleine Ortschaft nach der anderen aber immer noch keinen Plan für die erste Nacht. Im Hinterkopf geblieben war mir noch der Heimatort eines Kollegen und dessen Worte: „Das schaffst du leicht in einem Tag.“ Ich hielt in Gradiška. In den Straßencafés saßen junge und alte Menschen und tranken, es wirkte sehr entspannt. Nach einer Runde durch die Stadt entschied ich mich einfach für ein Hotel, ganz im Gegensatz zu einem alternativen Reisenden, der alle Geheimtipps aus dem Reiseführer kennt. Ich nahm mein Navigationsgerät in Betrieb und suchte „nächstes Hotel“. Nach dem ich keinen Lautsprecherbetrieb gewählt hatte, sagte mir auch keine Stimme Anna oder Frank, wo es langging. Ich folgte dem roten Pfeil etwa eineinhalb Kilometer Stadtauswärts bis zum Motel Italia. Dort angekommen nahm ich mir das Zimmer und ging zurück zum Roller, um mein Gepäck zu holen. Fast wie Lucky Luke, die Satteltasche über die eine Schulter, die Gepäckrolle und den Helm in der anderen Hand, schleppte ich mich die Stiegen hinauf. 206 war wie jedes unauffällige Hotelzimmer ausgestattet. Die Nacht hatte mich überrollt und im Doppelbett stellte ich mir selber ein paar Fragen. Ist das jetzt eine Reise für mich oder mach ich das aus einem anderen Grund? Habe ich nicht noch andere Möglichkeiten zu reisen und warum gerade mit einem alten Roller? Immer wieder einen Schlafplatz suchen, Wasser nicht außer Acht lassen, abends im Motel am Stadtrand auf der Jagd nach Gelsen, mit der Taschenlampe und meiner Hand.

Weil ich´s kann!

Am nächsten Morgen wachte ich auf und ging über alle Zweifel erhaben ins Bad um mir Kaffee zu kochen. Campinggefühle im Hotelzimmer. Der Hahn am Hof nebenan kräht sich die Stimme aus dem Leib und ich fing an meine Sachen zu packen. Für meine Jacke hatte ich am Vorabend noch den Verschluss ordentlich präpariert. Der Reißverschluss war beidseitig ordentlich mit Gewebeband verstärkt, so dass ich beide Seiten mit einem separaten Stück Band miteinander verbinden konnte. Das unterste Drittel blieb fix verklebt, der Rest mit einem zweiten Streifen das am obere Ende umgeschlagen war. So konnte ich recht gut an meine innere Brusttasche, wo ich alle Papiere hatte, nur nicht den grünen Versicherungszettel. Also gab es nun zwei beiläufige Aufgaben zu erledigen. Zip und Papiere. Papiere müssen noch warten.

Gegen 7:30h fuhr ich im dichten Nebel Richtung Banja Luka los. Die Sonne konnte ich schon erahnen und mein Visier war sofort innen und außen beschlagen. Meine Sonnenbrille bald genauso trübe, schielte ich mit einem Auge unter ihr durch und konzentrierte den Blick auf die Straße. Es war eigentlich ein wunderbarer Start in einen neuen Tag. So hatte ich mir das Leben auf der Straße mit meinem Roller gedacht. Nach ein paar Ehrenrunden durch das beeindruckende Zentrum von Banja Luka und einem Espresso hatte ich die richtige Richtung eingelenkt und die Stadt mit ihren streunenden Hunden verlassen. Es ging weiter Richtung Süden. Der Weg führte mich durch eine enge Schlucht und über Berge. Durch das dichte und saftige Grün bergauf und an der anderen Seite im karstigen und sandig-braunem wieder hinab. Ein kurzer Tunnel am Höhepunkt war die Trennlinie der Wasserscheide. Die Landschaft verwandelte sich so schnell, wie man in einem Buch umblättert.

Neue Seite, neues Glück.

Nach einigen Kilometer mit Vollgas über die Hochebene bretternd, überholte mich ein PKW mit Kennzeichen St. Pölten Land. Er begrüßte mich mit seiner Hand nach oben zu einer Faust geballt und der Hupe dazu. Bezirkstechnisch gesehen sind wir nur Nachbarn, aber das verbindet schon genug.

Südlich von Banja Luka, Bosnien.
Südlich von Banja Luka, Bosnien.

Ich kam gut voran durch Bosnien, ab und zu das Navigationsgerät angeworfen um Richtung Mostar zu steuern, fiel mir auf, dass die ladende Batterie zu neige ging. Darauf vorbereitet wollte ich meine neue Verkabelung am Roller anwerfen, ein Zigarettenanzünder der im Beinschild montiert war. Ich rauche zwar nicht während der Fahrt, aber mit einem elektrischen Anzünder ist das schon eine feine Sache. Nachlässig wie ich war, hatte ich das System aber nicht im Dauerbetrieb getestet und mir wurde schnell Bewusst, dass der Ladestrom nicht ausreichend war, um den Akku wieder zu füllen.

Nach Gefühl steuerte ich durch die Gegend und nahm oft den Weg durch den Ort und nicht die Umfahrung und das mit gutem Grund. In einem kleinen Dorf in den Bergen fiel mir auf, dass im Zentrum eine Kleiderboutique neben der anderen war, eine Modehochburg sozusagen. Die Vorbereitungen für eine oder mehrere Hochzeiten waren nebenher auch im Gange. Aufmerksam rollte ich durch den Ort und hielt links und rechts Ausschau. Einen Moment hielt ich an und sah durch die offene Tür eine ordentliche Nähmaschine. Ich ging in das kleine Haus mit den Auslagen und drei Damen waren heftig an den Vorbereitungen für die Vermählungen. Eine von ihnen nahm sich mir an und es war schnell geklärt, sie kann kein Englisch und Deutsch. Holpriges Tschechisch von mir, sie lachte laut und fragte ob das ein neues Patent ist, mein silberner und absolut winddichter Verschluss. Sie riss das Gewebeband von der Jacke, die ich ihr auf den Arbeitstisch gelegt hatte und griff in eine kleine Lade. Aus dieser zauberte sie eine Lösung aus glänzender Chrome, „Made in China“, genau in meiner Größe. Mit einer Zange öffnete sie einen kleinen Metallclip am oberen Ende des Reißverschluss und fädelte den neuen Schieber ein. In fünf Minuten war alles erledigt. Ich hätte es auch geglaubt, wenn die Diagnose darauf hingelaufen wäre, dass ich die Jacke am nächsten Tag abholen könne und dass die ganze Vorderseite der Jacke für den Eingriff aufgetrennt werden müsse. Wie einfach die Welt aber oft sein kann. Schön, wenn so kleine aber wichtige Dinge wieder funktionieren. Ich fühlte mich wie der glücklichste Mensch auf Erden und bedankte mich mit gutem Trinkgeld und wünschte noch allgemein einen schönen Tag. Der neue Zip hielt die Jacke so gut zusammen wie noch niemals davor.

Die letzten vergeblichen Versuche, mit Hilfe eines Computers zu navigieren, schlugen fehl. Ich verließ die Ortschaft über eine Schotterstraße irgendwo hinten herum und traf gleich auf ein schönes Pferd, das mich neugierig anstarrte. Mir war klar, dass gleich hinter dem nächsten Hügel wieder die Bundesstraße war und ließ mich von dem Weg nicht beirren. Ab jetzt kein Navi mehr, ich frage mich durch. Das war wohl die beste Entscheidung überhaupt. Für meine nächsten Reisen nehme ich mir nur mehr eine gute Landkarte (in doppelter Ausführung) und einen kleinen Kompass mit. An jeder Tankstelle und in jedem Café werden dir die Menschen gerne behilflich sein um dir den Weg zu zeigen. Am Ende meiner Reise durfte ich noch den weisen Worten eines kroatischen Freundes lauschen: „Wenn du nicht weiter weißt wo hin, frag in einer Bar oder einem Café nach dem Weg, sie werden dir Zeigen wo es langgeht. Zahlst du noch eine Runde bringen sie dich persönlich dort hin!“

Das Navi war für mich ab jetzt gestorben. Selbst der große glatzköpfige Bosnier in seinem Mercedes mit Wiener Kennzeichen, gekleidet mit Jogginghose und engem Oberteil, wollte mir anbieten, dass Teil in seinem Zigarettenanzünder zu landen. Kurzes hin und her, er lebt in Favoriten. Ich meinte zu ihm: „Das zweite Zentrum Wiens, da habe ich auch schon gelebt.“ Ich verabschiedete mich freundlich und folgte seiner genauen Wegbeschreibung zielsicher. Zügig machte ich mich auf den Weg Richtung Mostar.

Mir kam danach noch etwas Tieferes in den Sinn. In Wien wäre die Situation sicher anders abgelaufen, wenn sie überhaupt zu Stande gekommen wäre. Dort leben wir in anderen Welten, jeder auf seinen Trampelpfaden unterwegs. Es gibt dadurch kaum Überschneidungen, weil wir so kontrolliert versuchen, in unseren Bahnen zu bleiben. Ein Grund meiner Reise war, dies aufzubrechen und einen Einblick zu gewinnen, wo her so viele Menschen stammen, die in Wien ein neues Zuhause gefunden haben.

Auf nach Mostar.

In Mostar angekommen hielt ich kurz um einen Kaffee zu trinken, es war in einer kleinen Sportbar und die drei jungen Männer unterhielten sich gut bei Zigaretten und Bier. Nach etwas Smalltalk und ein paar erfragten Informationen war ich auch schon wieder auf Achse. Warum so schnell? Was ich bis jetzt noch nicht geschrieben habe, am heutigen Abend war ein Treffen mit Ben und Astrid geplant. Gemeinsame Tage in einem ruhigen Haus direkt am Meer in Kroatien, Privatsphäre inklusive. Es war schon Nachmittag und ich mir sicher, vor dem Sonnenuntergang noch in Kremena zu sein. Weder die Altstadt von Mostar noch die Stari Most hatte ich gesehen, was für ein schlechter Tourist ich doch bin. Beim Verlassen der Stadt fielen mir einige Häuser auf, die wie Knochengerippe dastanden. Bäume und Sträucher besiedelten nun diese Mahnmäler einer schrecklichen Zeit. An den umliegenden steilen Hügeln stieg Rauch auf, da die trockenen Büsche wieder einmal brannten.

Einige Kilometer weiter war der nächste geschichtsträchtige Ort, dem ich einen kurzen Besuch bescherte, Međugorje. Bei allem Respekt, ein Disneyland für Pilger. Rein aus Neugier hätte ich mir schon den Erscheinungsort der Heiligen Maria angesehen aber die Schlangen an Menschen vor den Toren verschreckten mich. Nach einigem hin und her zwischen Reisebussen aus halb Europa, hatte ich etwas die Übersicht verloren und wusste nicht genau, in welche Richtung ich die Stadt verlassen sollte. Da sind Navis dann schon praktisch. Also nur um zu wissen, in welche Richtung es weggeht. Ein Kompass wird mir bei meiner nächsten Reise diese Unterstützung bieten. Um nach dem Weg zu fragen, hielt ich nicht in einem Café, sondern viel besser, bei einem kleinen Weinbauer. Einen Liter in Rot und ein Achterl in Ehren, nur um zu probieren. Mein eigener Messwein in der praktischen und wiederbefüllbaren Plastikflasche verschwand im meiner Satteltasche und ich aus dem Heiligen Ort. Den Liter werden wir schon ordentlich zelebrieren, denn es waren nur mehr wenige Kilometer bis zu unserem Treffpunkt.

Opuzen, Kroatien – Flußdelta.
Opuzen, Kroatien - Flußdelta.

Die Kroatischen Grenzbeamten wollten keinen grünen Versicherungszettel sehen und ich war guter Dinge. Zu meiner Rechten ein breiter Kanal, überall Felder mit Bewässerungssystemen und ein immer breiter werdendes Flussdelta, kündigte mir das Meer an. Ein paar Kurven noch über den letzten Hügel und vor mir tat sich das Große Blaue auf. Ich war sehr euphorisch und freute mich auf meine Freunde mit Hund. Bei der Abzweigung zum Strand hielt ich um zu telefonieren. Die beiden waren schon seit ca. 18 Stunden unterwegs und wahrscheinlich erst in sechs weiteren Stunden da. Das zum Thema Autobahn. Etwas irritierte mich. Das einsame Haus am Meer war mit Badegästen belagert und deshalb erkundete ich zuerst die umliegende Gegend. Eine holprige Schotterstraße führte mich ans andere Ende der Bucht. Eine Art Wohnwagensiedlung war hier aufgestellt, Familien aus der Umgebung hatten hier ihren Sommersitz aufgeschlagen. Sie fuhren Fischen, lagen in der Sonne oder spielten Fußball. Ich war jetzt nicht mehr euphorisch, sondern nur mehr glücklich und sprang mit einem breiten Grinsen ins Meer. Ich paddelte am Rücken im Kreis und genoss es, von den Wellen hoch gehoben zu werden. In der untergehenden Sonne trocknete ich mich und nippte am Messwein. Eine Dame mit einem Teller in der Hand kam auf mich zu. Iss mein Junge, iss. Nimm dir alles! Das ungefähr waren ihre Worte. Aus Palatschinken Teig frittierte kleine Fladen waren recht schnell im meine Jausenbox verschwunden, um gleich wieder heraus genommen zu werden. Ich war wirklich sehr hungrig geworden, ohne es zu merken. Balkanische Gastfreundschaft vom Feinsten. Kurz darauf wurde ich an einen kleinen Tisch gesetzt und bekam Kaffee und Wasser eingeschenkt. Ein eher karger Wortaustausch fand statt. Die Tochter mit ihren Eltern gemeinsam etwas deutsch-englischen Kauderwelsch und ich mit ein paar slawischen Wortfetzen dagegenhalten. Wenig später gab es Fisch in verschiedenen Varianten, Salat, Speck und Brot unter dem Wellblechverschlag, der ihren Wohnwagenvorbereich absteckte. Die Speisen wurden weniger, ich wurde satter und alle müder. Nach einer Schweigeviertelstunde wurde mir vom Vater gute Nacht gewünscht und das war für mich das Zeichen zu gehen. Es ist in Wahrheit eine hohe Kunst den richtigen Moment zu erwischen. Verabschiedest du dich zu früh, ist es unhöflich. Bleibst du zu lange, wird es lästig. Vielleicht hätte ich vor acht Minuten den perfekten Absprung gehabt.

Nach dem ich nun unschlüssig war, wie ich weiter tun sollte, rief ich noch einmal bei meinen Freunden an. Noch ungefähr zwei Stunden laut Boardcomputer. Ich war verunsichert wegen der vielen Badegäste am Nachmittag rund um das einsame Haus und fuhr über einen sehr schlaglöchrigen Umweg zurück zur Kreuzung, wo ich noch wusste, richtig zu sein. Nach dem ich einiges an Staub aufgewirbelt und geschluckt hatte, wollte ich meine weitere Reise nur mehr auf festem Straßen zurücklegen. Ich parkte unter einer Weinlaube auf einem privaten Grundstück neben einem Haus das mir unbewohnt erschien. Auf meiner Lederjacke mit neuem Zippverschluss, neben meinem Roller liegend, verharrte ich und blickte zu den Sternen hinauf. Es war eine Nacht nach Vollmond und ich starrte ihn an. Ich war salzig und staubig, müde und glücklich von der langen Fahrt, der Rotwein schmeckte mir gut und ich ließ die Zeit verrinnen, denn davon hatte ich gerade genug. Es war ein guter Moment hier unter der Laube. Nach vielen hellen Gedanken und ein paar Sternschnuppen später, hörte ich einen Opel mit Wiener Kennzeichen, dachte ich mir zumindest. Ich schlenderte mit der wiederbefüllbaren Plastikflasche in der einen und meiner Taschenlampe in der anderen Hand den Weg bergauf, dem Auto entgegen. Im Kegel meiner Lampe reflektierte das Kennzeichen. Wien, wie ich es richtig gehört hatte! Meine beiden Freunde waren der langen Fahrzeit entsprechend ziemlich paniert. Den direkten Weg zum Haus nahmen wir aber trotzdem nicht, ich als Vorhut war da wirklich nicht zu gebrauchen. Erst eine Runde ans Ende der Bucht wo ich vor wenigen Stunden noch dinierte, den Schotterweg wieder zurück um dann die richtige Straße steil bergab mit ordentlichen Serpentinen zu nehmen. Am Ende der Sackgasse eine Seilklippe mit Steinstiegen hinab zum Meer. Es war ganz zu Beginn schon das richtige Haus. Nun ja, ich noch immer satt, dafür schon leicht betrunken und meine Freunde endlich hier.

Astrid in Raba/Kremena, Kroatien.
Astrid in Raba/Kremena, Kroatien.

Ben und Hund.
Ben und Hund.

Steile Klippe.
Steile Klippe.

Geheimer U-Boot-Bunker.
Geheimer U-Boot-Bunker.

Das Ding.
Das Ding.

Sprint Richtung Volos.

Nach vier Nächten am Meer, war es für mich wieder Zeit, auf die Straße zu kommen. Am Morgen verabschiedete ich mich noch von meinen Leuten, hinterließ ihnen lediglich mein Navi und nahm dafür die Europa-Süd-Ost Übersichtskarte des ÖAMTC an mich. Ein guter Tausch und schlaue Freunde die ich da habe. Weil, man glaubt es kaum, ich springe noch schnell zwei oder drei Tage zurück. Wir waren bei Konzum einkaufen und packten gerade alles ins Auto. Astrid Adlerauge, ein quereinschlagender Gedanke von ihr und die Frage: „Du bist doch bei Uniqa?“ „Äh, ja warum?“ „Da hinten haben die ein Büro und vielleicht deine Grüne Karte, hä!“ Gute Sache! Ich habe mir am Vortag von meiner Versicherungsvertreter-Urlaubsstellvertretung ein digitales Duplikat schicken lassen. Im Büro wurde dieses ausgedruckt, offiziell abgestempelt und unterschrieben. Wir waren uns alle nicht ganz sicher ob die nun weiße Versicherungskarte gelten würde, aber auf jeden Fall besser, als gar nichts in der Hand. Abgesehen vom netten Mechaniker Meister, der von nebenan kam um dem kroatischen Versicherungsangestellten und mir zu übersetzten, war der junge Mann in Opuzen auch äußerst hilfreich, mir den Weg zu einer Apotheke zu zeigen. Er fuhr vor und ich durfte mich dann auch noch von seinen gerade geernteten Melonen bedienen, die hinten in seinem VW-Bus lagen. Gastfreundschaft über alles!

Nach dem Frühstückskaffee und Küsschen links und rechts zog ich die Küste entlang Richtung Süd-Osten. Es war ein herrlicher Morgen und ich fühlte mich ausgeruht und es roch mir sehr nach einem angenehmen Urlaub, so wie das bis jetzt begonnen hat. Nächste große Etappe war Volos, Vinca und ihre Familie besuchen. Bis dahin hatte ich aber noch einige Kilometer Asphalt vor mir. Also Hahn auf und los. Innerhalb eines Tages hatte ich vier Grenzübergänge absolviert und nirgends gab es ein wesentliches Problem mit meiner neuen weißen grünen Karte. Ich betonte extra das Duplikat von offizieller Stelle, ausgefertigt in Österreich, digital übermittelt nach Kroatien, um dort in einer Zweigstelle auf Papier gedruckt zu werden und selbstverständlich bürokratisch einwandfrei abgestempelt und signiert zu werden. Mein Beamtenenglisch war umwerfend! Nach den kommenden Grenzübergängen allerdings, war das ganze eher in ein knappes „Jaja, ein Duplikat! Das Original ist verloren!“ zusammengeschrumpft. Also ich glaube mehr habe ich über die Versicherungskarte auch nicht mehr zu sagen.
Ich kam gut voran, hielt ab und zu um Espresso zu tanken und Benzin nachzuleeren. Wasserreserven auch immer im Blick. Vor Dubrovnik stoppte ich an der Brücke mit Blick auf den neuen Hafen und der Bucht Richtung Komolac. Mein Frühstück, etwas Speck, Weißbrot und Obst schmeckten vorzüglich bei dieser Aussicht. Wie ich es oft und gerne mache, habe ich am Weg zur Altstadt von Dubrovnik noch ein kleines Café gefunden, um neben ein paar sehr gut aber leger gekleideten alten Kroaten meinen Kaffee zu genießen. Die Altstadt habe ich nicht besichtigt, dafür eines von bereits geschätzten Millionen Fotos vom alten Hafen gemacht. Meine Reise ging weiter.

Dubrovnik, Kroatien.
Dubrovnik, Kroatien.

Boka Kotorska (Bucht von Kotor), Montenegro.
Boka Kotorska (Bucht von Kotor), Montenegro.

Durch Montenegro ging es mir ähnlich wie damals in Spanien. Wunderschön aber sehr stark Verbaute Küstenlinie. Das war mir auch noch von Erzählungen einer jungen Kuratorin im Kopf, die damals während meines Auslandstudiums, in Prag arbeitete. Als ich sie fragte, was es den in ihrer alten Heimat neues gäbe, erzählte sie mir von der schönen Küste, die direkt von den Bergen in das Meer hinein fällt. Von Landbesitzern, die an Geld kommen wollten und von ungesund reichen Russen, die nun auf diesen Grundstücken Hotelkomplexe bauen. So sah ich es dann auch kommen. Ich war etwas traurig, dass ich erneut die Küstenlinie genommen hatte, wusste aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ich in drei Wochen noch einmal Quer durch Montenegro fahren würde. Dann aber Quer durch das Landesinnere.

Buljarica, Montenegro.
Buljarica, Montenegro.

Bis auf einen kleinen Umweg in Stari Bar leitete mich meine neue Landkarte um Welten besser, als mein altes Navigationsgerät. Man verliert auch nicht so schnell die Aufmerksamkeit und lässt sich weniger von der Straße ablenken. Es könnte ja passieren, dass jemand bergauf in einer zügigen Rechtskurve, kurz vor einem Tunnel ohne Beleuchtung, einen Tanklastwagen überholt, während einem dabei zwei oder drei PKWs entgegenkommen und derjenige sich zwischen dem ganzen Verkehr am Laster vorbeidrückt, plötzlich aber bemerkt, dass es im Tunnel wirklich richtig dunkel wird, weil auch dieser eine Kurve beschreibt und deshalb das Ende nicht in Sicht kommen will. Ich finde es ungemein wichtig, in solchen spannenden Momenten wirklich lässige Sonnenbrillen zu tragen, nur für den Fall, dass man gesehen wird. Ja, also davon ausgehend, sich in so einer Situation noch von einem unnötigen Spielzeug ablenken zu lassen, das könnte schon ganz blöd in die Hose gehen. Ich glaube aber, der Lastwagenfahrer hat an seinem Telefon herumgedrückt, sonst hätte er nicht mit so einer gewissen Gedenksekunde panisch zu hupen begonnen. Aber am nächsten Tage schon, würde ich so was als klassisches albanisches Überholmanöver durchgehen lassen und mir gar nichts mehr dabei denken.

Die letzten hundert Kilometer für den Tag ging ich dann wieder deutlich entspannter an. Ich war mittlerweile in Albanien und sammelte schnell viele Eindrücke vom Land. Wie man an Tankstellen mit dem Umrechnungskurs elegant ausgenommen wird und dass es Leute gibt, die Bären in Gitterboxen halten um an Tankstellen attraktiver erscheinen zu lassen. Ersteres war halbwegs würdig und es ging nur um ein paar Euro aber der kleine Pez hatte da schon schlechtere Karten. Dia arme Sau, der Bär. Und Mercedes, aber das ist ein ganz eigenes Kapitel wert. An Shkodër vorbei sah ich einen Campingplatz ausgeschrieben, den ich ansteuern wollte. Bei jeder Kreuzung ein Pfeil, nicht zu oft aber gerade richtig um überall gut Bescheid zu wissen. Meine Empfehlung, Camping Albania B&B. Ich genoss mein erstes Birra Tirana und einige längen im Pool. Hühner scharrten auf der Zeltwiese herum und von nicht zu weit weg, ballerte Albanische-Neue-Folklore-Musik aus dem Clubhaus der Dorfjugend. Es war ein ausgesprochen guter erster Abend in Albanien und die erste Nacht im meinem Zelt.

Tankstelle mit Gitterbox im Parku Natyror Rajonal Ulëz, Albanien.
Tankstelle mit Gitterbox im Parku Natyror Rajonal Ulëz, Albanien.

Nächsten Morgen klaubte ich mich erst einmal aus meinem Zelt. Die Wiese war taufrisch und ich nicht wirklich. Nach langer Zeltabstinenz war erst einmal wieder eine gewisse Konditionierung von Nöten. Ich ließ meine Sachen in der rasch aufgehenden Sonne trocknen, während ich mir einen Espresso genehmigte. Den Roller gesattelt, Trinkwasser aufgefüllt und ab ging es. Meine Route hatte ich spontan am Vorabend ziemlich direkt geplant und wollte eigentlich nicht an Tiranë vorbei, sondern eher in ländlichen Gegenden unterwegs sein. Nach etwas hin und her entschied ich mich für eine Route durch die Berge die SH6 entlang nach Burrel, Bulqizë und über den Grenzübergang Bllatë e Epërme nach Mazedonien. Die wenigen Kilometer vom Campingplatz zur Hauptstraße waren ein Abkommen von Bodennebel und aufsteigender Sonne, die sich entlang von schilfbewachsenen Bewässerungskanälen und den lang gestreckten Hügeln langsam ablösten. In der Ferne wurden schon die Berge sichtbar, hinter denen ich bald verschwinden würde.
Nach einigen Kilometern auf der geraden Bundesstraße Richtung Tiranë habe ich mich recht rasch an die albanischen Überholmanöver gewöhnen müssen. Unter dem Motto „Wer schneller ist, hat Vorrang!“, wird Platz gemacht, wenn dir jemand auf deiner Spur entgegenkommt. Über die Abzweigung Richtung Osten war ich sehr froh, denn die kommenden Straßen wurden enger und nicht mehr so stark befahren. Mit den lokalen Minibussen konnte ich gut mithalten und auch überholen, dabei aber trotzdem die Landschaft genießen. Entlang von Stauseen durch enge Täler, die Straße den Berg hinaufwindend und wieder hinab entlang des Bergrückens um danach einen Fluss durch Maisfelder und kleine Dörfer und Ortschaften zu folgen.

Parku Natyror Rajonal Ulëz, Albanien.
Parku Natyror Rajonal Ulëz, Albanien.

Ulza Reservoir, Albanien.
Ulza Reservoir, Albanien.

Ich war so sehr in den Bann dieser Landschaft gezogen und hielt alle 10 Minuten an, um zu hören, sehen und riechen. Immer mehr bestätigte sich meine Vermutung, dass alleine meine Fotokamera nur einen kleinen Bruchteil von dem Ganzen festhalten konnte. Oft warf ich den Blick durch den Sucher, um dann doch nicht abzudrücken. Als ich in einer bergab fahrt erneut stoppte, um mich zu erleichtern und Wasser zu tanken, hörte ich neben mir am Boden etwas rascheln, aber sah nichts. Erst am zweiten Blick erkannte ich, wen ich hier neben mir hatte. Es war ganz klar eine albanische Griechische Landschildkröte. Ich war so außer mir vor Freude, dass ich so ein kleines Vieh einmal in ihrer natürlichen Umgebung antreffen durfte. Was mich aber wirklich noch mehr verblüffte, war die Geschwindigkeit, die sie an den Tag legte. Selbst meine halbautomatische Kamera konnte wegen der schnellen Fortbewegung kaum scharf stellen. Als ich, nach dem ich mich wieder zusammengepackt hatte, ins Gebüsch sah, war Schildkröte zwar noch zu hören aber nicht mehr zu sehen. Ob wir uns jemals wiedersehen würden? Angetrieben von dieser freundlichen Begegnung, war ich total auf Abenteuer und Entdecken eingestellt. Im Nachhinein war ich nur froh, dass meine Erleichterung nicht Schildkröte getroffen hat.

Albanische Griechische Landschildkröte im Ulza Reservoir, Albanien.
Albanische Griechische Landschildkröte im Ulza Reservoir, Albanien.

Weiter ging es entlang kleiner Felder, tief ausgewaschener Bachbette und vom Wind geformte Böschungen aus roter Erde. Jeder nutzbare Quadratmeter war mit Mais oder Getreidesorten bestellt worden. Dieses engmaschige Muster, prägte für mich das Landschaftsbild hier in den Bergen.

Entlang der SH6 zwischen Burrel und Bulqizë, Albanien.
Entlang der SH6 zwischen Burrel und Bulqizë, Albanien.

Entlang der SH6 zwischen Burrel und Bulqizë, Albanien.

Entlang der SH6 zwischen Burrel und Bulqizë, Albanien.

Umso weiter ich durch die Berge kam, um so schroffer wurde der Fels. Ackerbau war hier gegen Straßenbau und Bergbau getauscht worden. Chrome Gewinnung steht hier großgeschrieben. Die nächste Ortschaft nach der vermeintlichen Miene glich auch einer Bergbau-Stadt, so wie ich es in meiner Phantasie ausgemalt hatte. Klein, dicht besiedelt, kein Luxus, Häuser nach oben aufgestockt und Gitter vor den Fenstern. Mit einem leichten Gefühl von Melancholie fuhr ich weiter Richtung Grenze.

Entlang der SH6, Plani i Bardhe, Albanien.
Entlang der SH6, Plani i Bardhe, Albanien.

Entlang der SH6, Bulqizë, Albanien.
Entlang der SH6, Plani i Bardhe, Albanien.

Eine sehr gut ausgebaute Straße ging kilometerlang leicht bergab, bis ich wieder in flachere Gefilde kam. Ackerbau, wie schon zuvor, Kinder auf einem Esel reiten zu einer Flussbiegung wo schon deren Freunde in Wasser plantschen, eine scharfe Kurve über die Brücke und in der nächsten Ortschaft an der Tankstelle gehalten. Auf so wenigen Kilometern Fahrt boten sich so viele Eindrücke, dass ich wahrscheinlich schon alle Filme ausgeknipst hätte, wenn ich mich nicht zusammenreißen würde. Ich hatte mit mir schon einen inneren Zwist aufgebaut. Auf der einen Seite wollte ich ja wieder viele Fotos mit nach Hause mitnehmen. Andererseits ist die totale Überflutung von leichtfertig geschossenen Bilder mittlerweile echt eine Plage. Deshalb hatte ich vor meiner Reise die Entscheidung getroffen, mich auf drei Filmrollen, also 108 Bilder zu limitieren.

Wieder auf Achse war ich mit vollem Tank an der Grenze zu Mazedonien angekommen. Die Grenzkontrolle war sehr unkompliziert, eine Dame fragte mich noch nach meinem Treiben in Albanien. Allzu viel hatte ich ja nicht unternommen, außer einem kleinen Eindruck von dem Land gewonnen zu haben. Es war mittlerweile schon Nachmittag geworden und ich wollte sehen wie weit ich es heute noch schaffe. Erst einmal in die nächste Ortschaft und dann werde ich schon sehen, wo die Straßen so hinführen. Nachdem ich durch den wildwüchsigen grünen Gürtel entlang der Grenze gefahren war, kam mir ein Traktor mit Anhänger entgegen. Im Augenwinkel erkannte ich mehrere Faktoren und Indizien. Der Hänger hing schief auf der Straße und der linke Reifen lag im Graben ein Stück vorher. Dort wo der Reifen aber sein sollte, endete eine etwa 20 Meter lange hellgraue Furche im Beton, die von der Achse in en Belag gekratzt wurde. Der Fahrer saß noch im Traktor und zwei junge Männer neben dem Hänger, einer auf dem Weg zum Reifen. Alles kombiniert, hatte ich um wenige Sekunden diesen Reifenverlust verpasst. Vielleicht auch mein Glück, man kann ja nie wissen, wo so ein Pneu seinen Weg hinfindet. Gerade als ich mit meinen Gedanken durch war, sah ich zwei Kurven weiter etwas rundes Pechschwarzes auf dem Boden liegen. Erneut zwei Kurven brauchten mein Hirn um mir zu sagen, was dalag. Ich stoppte und wendete, fuhr zurück und legte das Ding auf mein Trittbrett. Ich fuhr weiter auf den Traktor zu, hupte und stoppte langsam mit einem verhaltenen Lächeln vor den Männern. Genervte Blicke würdigten mich. Ich deutete auf das schwarze ölige Teil, die Hauptmutter welche den Reifen sichern sollte. Es war ein guter Moment, zu sehen wie sich die Gesichter entspannten. Ich denke, sie konnten den Reifen so wieder halbwegs befestigen oder hatten somit zumindest wieder alle Teile des Puzzles in der Hand. Motiviert ging meine Reise weiter Richtung …, ja wo wollte ich nur Heute eigentlich noch hin?

Ab nach Mordor!

Adrenalingetrieben machte ich Kilometer durch Mazedonien. Den Debar Stausee entlang Richtung Ohrid. Bis auf eine kurze Jausen-Pause an einer Bushaltestelle und einem Café war ich echt gut in Fahrt gekommen. Im Café waren außer mir und dem Betreiber noch zwei rauchende Herrn anwesend, in der Bushütte waren es mehrere dutzend Eidechsen, die gar nicht mal so klein waren. Beide Male fand ich mich in guter Gesellschaft.

Debar Stausee, Mazedonien.
Debar Stausee, Mazedonien.

Ich folgte ab nun einer alten Transitstrecke, die über die Berge Richtung Griechenland ging. Es war sehr wenig Verkehr, die Straßen zum Teil zweispurig ausgebaut, um die langsamen Sattelschlepper zu überholen. Die Kurven waren langgezogen und übersichtlich. Eigentlich eine wunderbare Strecke um so richtig schön dahinzugleiten. Wären da nicht geschätzt alle 200 Meter Schlaglöcher im Belag, so groß, dass sie mühelos meinen Vorderreifen verschlucken würden. So was brauchst du nicht, wenn du mit 90 Sachen eine Bergstraße hinab bretterst. Meine volle Konzentration galt den alles verschlingenden schwarzen Löchern. Dabei merkte ich unweigerlich, dass meine Konzentration langsam zu Ende ging, trotzdem ich regelmäßig viel Wasser trank und kurze Pausen eingelegt hatte. Ganz konnte ich mich aber auf Mazedonien noch nicht einlassen und deshalb schoben mich unsichtbare Kräfte gewaltig Richtung Griechenland. Jetzt wo ich den Artikel schreibe und mir die Reiseroute auf der Landkarte ansehe, wäre ich für die kommende Nacht wohl besser in Bitola geblieben. Die letzte Stadt vor der Grenze, mit einem umwerfenden Charme den ich nur schwer beschreiben kann. Es ist eine sehr alte Stadt mit starkem osmanischem Einfluss, zahlreiche mächtige historische Altbauten zeugen von einer starken Wirtschaft und Handel. Ich glaube, hier hätte ich sicher ein nettes Zimmer gefunden und abends gut essen können. Stattdessen war ich aber schon über die Grenze und navigierte mehr oder weniger nach den Wolken.

Schon seit dem Nachmittag zog der Himmel zu und ich sah in einigen Kilometer Entfernung ein gewaltiges Gewitter niedergehen. Nach Gefühl und mit flüchtigen Blicken auf meine Karte landete ich in Florina, von dort aus war mein Weg Richtung Larissa Beschildert. Thessaloniki wäre falsch gewesen. Geschickt das Gewitter umfahren fand ich die alte Nationalstraße, der ich folgte. Ich kannte den Norden Griechenlands gar nicht und war anfangs sehr gemischter Gefühle. Langgezogene Becken von Hügelketten und flachen Bergen umringt, Kilometerweise Sicht ins Land hinein. Alle zig Kilometer Kohlekraftwerke mit ihren Kühltürmen, Bergbau über Tags im großen Stil. Hier ist das Energiegewinnungszentrum, es fühlt sich etwas an wie Mordor und ich mich sehr klein und unbedeutend. Es lassen sich die gewaltigen Ausmaße dieser Gegend nur schwer mit der Kamera einfangen, eigentlich wäre hier ein kleines Sportflugzeug von Nöten.

Kraftwerk in Filotas, Griechenland.
Kraftwerk in Filotas, Griechenland.

Kardia Kraftwerk in Pontokomi, Griechenland.
Kardia Kraftwerk in Pontokomi, Griechenland.

Mir war sonnenklar, dass es in dieser Gegend keine Campingplätze gab. Die nicht mindere Anzahl an Straßenhunden, tot und lebendig, überzeugte mich auch davon, nicht wild zu Zelten. Nach einem schnellen Abendessen in Kozáni und einem netten Gespräch mit dem jungen Personal, fand ich wenige Kilometer später ein typisches Hotelketten-Hotel. Ich schwamm noch einige Längen im Pool und ließ mich danach im Hotelzimmer nieder. Im kleinen Handwaschbecken wusch ich noch meine Schmutzwäsche und ließ mich noch im Bett vom griechischen Fernsehen berieseln, um sofort darauf einzuschlafen. Eine Stunde später wurde ich von dem mächtigen Gewitter geweckt. Nun hatte es mich doch eingeholt, allerdings mit dem Dach über meinem Kopf. Bei offener Balkontür genoss ich dieses viel spannendere Programm. Am nächsten Morgen gab es frischen Espresso am Balkon, die Luft war kühl und feucht, sehr erfrischend, ein gutes Wetter um meine Reise fortzusetzten. Immerhin konnte ich es heute noch locker Richtung Volos schaffen, um dort bei meinen Freunden zu landen.

Ab jetzt änderte sich die Landschaft rapide. Nach dem Polyfytos-See war ich am Ende des großen Beckens angekommen und überquerte die umrandende Bergkette, um auf der anderen Seite den großen Olymp vor mir zu haben. Wenig befahrene kurvige Straßen, ab und zu Vieh am Rand der Piste. Die alte Nationalstraße hatte sich als wahre Perle entpuppt und es hat mich bekräftigt, Autobahnen und Schnellstraßen zu vermeiden. Zu viel Schönes würde mir verborgen bleiben. Nach dem ich den Weg von Larissa nach Volos schon von meiner ersten Griechenlandreise kannte und wusste, dass es sich hier um lange Geraden im Flachland handelte, entschloss ich mich direkt für einen Umweg. Ich steuerte auf den Olymp zu, einer einfachen Straße ohne Bodenmarkierung folgte ich in Serpentinen entlang des Berges. In meiner Fantasie die Göttinnen und Götter auf der Bergspitze thronend.

Richtung Kallithea Elassonos, Griechenland.
Richtung Kallithea Elassonos, Griechenland.

Richtung Olymp, Griechenland.
Richtung Olymp, Griechenland.

Olymp, Griechenland.
Olymp, Griechenland.

Nach dem ich am Fuße des Olymps anhielt um bei bester Aussicht ins Tal meine Pfirsiche und Schnitten verputzte, erfüllte mich ein herrliches Gefühl. Es ist das Reisen, alleine durch Europa zu fahren und sich ganz seinem eigenen Rhythmus einzustellen. Ich war in wenigen Tagen so weit gekommen und war immer genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Mit einem guten Gefühl stieg ich auf den Roller um wich Richtung Osten an die Küste zu bewegen. Nach einigen Kurven sah ich etwas wie einen großen Stein auf der Gegenfahrbahn liegen. Als ich näher kam merkte ich, dass sich der Stein bewegte. Es war Schildkröte! Ganz sicher die von Gestern aus dem Ulza Reservoir. Ich freute mich so über das Wiedersehen und Hupte zum Gruß. Später dachte ich mir, für die nächste Reise kommt nicht nur ein Kompass im meine Tasche, sondern auch en Wasserfester Permanentmarker. Es könnte ja sein, dass einem Schildkröte wieder über den Weg läuft und dann würde ich sie markieren: „Freund von Tom.“

An kleinen Ortschaften zog ich vorbei, hielt in Karya um einen Kaffee zu trinken und beobachtete die Menschen. Die Alten waren sichtlich angefressen von der politischen Lage und der gekürzten Mindestpension. Ein junger Bäcker backte und seine Freundin half ihm die Wahre in Körbe zu schlichten. Ein Kastenwagen hielt an und läutete die Glocke an seiner Heckklappe und verkaufte von seinem fahrenden Marktstand aus Oliven. Ein anderer Wagen hielt und war bis oben hin mit Obst und Gemüse beladen. Ich denke mir immer, wenn der direkte Handel mit kurzen Transitwegen funktioniert, kann das auf lange Sicht hin gar nichts schlechtes bedeuten. So bald Internationale Handelsrouten aus irgend einem Grund ausfallen, sind diese Menschen die Gewinner. Mal sehen was die Zukunft so bringt. Nach diesem Lokalaugenschein ging es für mich weiter, auf einer der bisher schönsten Straßen, die ich jemals gefahren bin.

In einem enger werdenden Tal führte mich die Straße südlich des Olymps vorbei. Die beiden Fahrspuren wurden links und rechts von Gebüsch, Farne und Bäume eingenommen. Eigentlich war die Fahrlinie am Mittelstreifen. Hier wurden schon lange nichts mehr zurückgeschnitten. In unregelmäßigen Kurven schlängelt sich der Weg voran, die beiden Bergrücken, zwischen denen ich mich bewegte, kamen einander immer näher, bis sich vor mir am Horizont das Meer zeigte. Anfangs ist einem noch nicht so klar, wo der Himmel aufhört und das Wasser beginnt. So weit weg war ich noch, dass die leicht bewölkte Luft diese Horizontallinie verschleierte. In einer Kehre hielt ich auf einem geschotterten Parkplatz um mich mit Trinkwasser zu erfrischen. Ich genoss den Ausblick, ein Auto kam die Serpentinen herauf gekrochen, das einzige Fahrzeug seit meiner letzten Kaffeepause. Ab nun ging es in unzähligen Serpentinen hinab zum Meer. Es wurde immer wärmer und wärmer, bis ich die volle Hitze an der anderen Seite des Olymps zu spüren bekam.

Ich wollte jetzt erst einmal nach Volos kommen, um dort etwas zu essen und die letzte Etappe über den Pelion in Angriff zu nehmen. Ich wollte meine Strecke so wählen, dass ich das Flachland um Larissa herum nicht durchqueren musste. Die Bundesstraßen verlaufen manchmal nur gerade aus und das über zig Kilometer. Somit versuchte ich, so lang es ging nahe dem Meer zu bleiben und auch die Mautstraße nicht zu benützen. Damit fielen schon einige Möglichkeiten aus und außerdem musste ich des Öfteren wenden. Nach einem kurzen Gespräch mit einem Gyrosstand-Betreiber, war mir klar, dass es nicht ganz einfach wird, meinen Weg zu machen. Umso näher man ans Meer kommt, umso dichter wird das Labyrinth aus Kleingartensiedlungen, Straßen und Kanälen. Somit entschied ich mich doch für die Fahrt durchs Flache, anstatt immer wieder zehn Kilometer durch die Gegend zu brettern, um danach wieder umzukehren. Ich macht es einfach wie viele andere Griechen auch und bewegte mich so lange es ging neben der Autobahn auf den Schleichwegen. Im Tal von Tempe genoss ich meine ungeplante Route allerdings sehr. Eine enge Schlucht zwischen Olymp- und Ossa-Gebirge, eine schnelle kurvige Strecke mit einigem an Verkehr. Hier heißt es besonders vorsichtig sein. Ich hatte auch noch zwei kleinere Probleme zu lösen und zwar kein Bargeld mehr eingesteckt zu haben und mein Tank war auch schon ziemlich auf Reserve. An der nächsten Mautstation erklärte mir der freundliche Tankwart, wo ich einen Bankomaten fände und ich machte mich wieder auf den Weg, erneut auf der alten Bundesstraße, dort wo die Traktoren fuhren und toten Hunde lagen, aufgebläht wie ein Kugelfisch.

Mit vollem Tank und reichlich Wasser ging es wie der geölte Blitz durch die Ebene, an Larissa vorbei und dann noch einmal fast 50 Kilometer gerade aus. Und damit meine ich wirklich gerade aus! Ab und zu macht die Straße in einer kleinen Ortschaft einen leichten Knick, aber das war es schon. Lastwägen, die einem entgegenkommen, schütteln einen so richtig durch, wenn man schneller als mit 80 Sachen unterwegs ist. Die Straße ist an beiden Seiten mit dichten Büschen und Bäumen bewachsen und der entstehende Luftdruck, kann nicht so schnell entweichen, fast mit einem Schnellzug im Tunnel zu vergleichen. Das ist mir dann wieder schnell eingefallen, wurde ich ja schon vor ein paar Jahren auf derselben Strecke mit diesem physikalischen Phänomen der Luftverdrängung vertraut. Also ab nun hieß es Pobacken zusammenzwicken und vorbei am LKW oder jedes Mal in die Bremsen steigen und wieder beschleunigen.

Ich war sehr froh als ich in Volos ankam und suchte mir gleich einen kleinen Straßenimbiss. Mit Pommes und Griechischem Salat stärkte ich mich. Wären ich auf meine Bestellung wartete, musste ich mich von einem ehemals in Düsseldorf lebenden Griechen zu quatschen lassen, der mir in sehr schlechtem Deutsch suggerierte, wie billig die Bratwürste nicht in Deutschland sind und wie teuer hier und sowieso es wo anders immer besser ist als da. Ich hielt mich unter Beherrschung, wäre ihm aber gerne so richtig an die Gurgel gesprungen um ihn dann mit seiner griechischen Bratwurst das Maul zu stopfen. Da ist man in der glühenden Nachmittagssonne durch die Pampa gedüst, hat sich von Lastwägen durchschütteln lassen und ist sowieso schon seit der Früh auf Achse und will dann einfach nur in Ruhe sein Essen genießen. Ihm war offenbar nicht bewusst, dass man hungrigen Tieren und einem hungrigen Tom nicht zwischen das Essen geht. Glücklicherweise kam seine Bestellung noch vor meiner. Zwar wollte er dann während dem Essen noch einmal Kontakt aufnehmen, hat es sich doch zu seinem Glück anders überlegt. Mein Magen war voll, mein Hintern wieder entspannt und ich am Start Richtung Alte Ölmühle.

Müdes, hungriges Tier in Volos, Griechenland.
Müdes, hungriges Tier in Volos, Griechenland.

Über den Pelion fahre ich auch besonders gerne. Serpentinen, langgezogene Kurven, geradeaus. Alles was das Herz höher schlagen lässt. Der Berg ist etwas ganz Besonderes. Der obere Teil ist dicht bewaldet und sehr saftig. Es war wirklich kalt und feucht, während auf Seehöhe die Sonne runter brannte und ein staubiger trockener Wind wehte. Ich kam dem Himmel immer näher. Auf dem Parkplatz des Schigebiets hielt ich und sah mir an, wie der Wind die Wolken über mir antrieb. Sie flogen knapp über dem Gipfel mit beträchtlicher Geschwindigkeit zum Meer hinaus. Auf der anderen Seite den Berg hinab roch es verdächtig nach Bremsen. Zum Glück aber nicht nach meinen. Die beiden Autos vor mir waren wirklich leidenschaftliche Bremser. Das ist halt so eine Sache mit der Bremserei in den Bergen. Sind zu viele Kurven, sollte man bedächtig am Gashahn drehen. Alles was beschleunigt wird, muss auch wieder abgestoppt werden und bergab geht es auch immer von alleine.

Mit etwas hin und her fand ich die Einfahrt zum Grundstück, wo die alte Mühle steht. Eben dieselbe Einfahrt führt aber auch zu einem Hotel am Strand und der dicke Glatzkopf am Eingangstor ließ mich nicht einfach so vorbei. Er druckte mir mit seiner Registrierkassa einen Bon über drei Euro aus und sagt mir, das ist mein Parkticket. Allerdings hatte der Herr außer über seine Registrierkassa sonst wenig Kontrolle. Nach dem er nicht verstehen wollte, dass ich am Privatgrund meiner Freunde parke, weil ich ja dort eingeladen war, rief er seinen Chef an, den ich dann an der Leitung hatte: „You pay for the entry!“ – ein wahrer Geschäftsmann. Etwas überrascht legte ich auf, stellte meinen Roller zur Seite und ging den Weg hinab. Nach einer freundlichen Begrüßung erzählte ich Vinca von dem haarlosen Torwächter und seinem geldsaugenden Chef. Sie lachte nur, ich ebenso. Nach dem ich meine Jacke bei ihr abgelegt hatte, machten wir gemeinsam einen Plan. Dabei ging es nicht um das Geld, sondern um ein Prinzip. Sollte ich nicht klarkommen, würde sie nach Anruf auftauchen und überzeugend Verhandeln. Mit einem breiten Grinsen ging ich auf den Parkplatzverwalter zu und erklärte ihm, dass meine Freunde eh zuhause sind und mich erwarten. Natürlich musste ihm aufgefallen sein, dass ich meine schwere Lederjacke nicht mehr bei mir hatte. Mit dem Ausdruck eines zufriedenen Menschen im Gesicht, schob ich meinen Roller vom Ständer und auf das Tor zu, startete ihn in aller Ruhe an und schlüpfte in meinen Helm rein und unerwartet schnell aber nicht gehetzt, am Tormann vorbei. Treffer! Er murmelte etwas hinter mir her. Zwei Tage später sah ich ihn am Strand entlanggehen und er mich. Mit respektvollem Blick grüßten wir uns gegenseitig und er ging seinen Weg. Ich glaube das hat schon gepasst so, auch für ihn.

Es waren ein paar herrlichen Tagen am Meer, aber nicht die Nächte. Wie schon vor ein paar Jahren habe ich mir die Matratze auf die Terrasse gelegt und dort genächtigt. Diese Mal aber waren einige kleine Mücken nachtaktiv und hatten gefallen an mir gefunden. Was Kleintiere und Insekten betrifft, bin ich da nicht so empfindlich, Spinnen und Käfer machen mir nichts aus. Moskitonetz war keines verfügbar aber Malaria eben so wenig. Aber dieses surren, wenn so ein kleines Ding um dein Ohr herum kreist, kann einen echt fertigmachen. Ich schlief deshalb kaum und war jeden Morgen auf ein Neues zerbissen. Es kann nicht immer alles perfekt sein. Dafür hatte ich aber Ausblick aufs Meer raus, rüber Richtung Chalkidiki. Dort hin sollte mich auch meine weitere Reise führen. Wie ich schon anfangs erwähnt hatte, waren einige meiner Freunde zur selben Zeit hier in Griechenland. Julia mit Schwester, Freund und Kind mit erweitertem Familienkreis erwarteten mich diese Tage. In einer Etappe wollte ich es dort hinschaffen, wohin mich mein Blick über die Ägäis führte. Als ich mich dann am Morgen nach dem Frühstück mit meinen Freunden verabschiedete und rüber nach Volos fuhr, war das Einfahrtstor offen und unbewacht. Ich genoss meine Fahrt über den Pelion, hinterließ einen Aufkleber auf einem Verkehrsschild am Berg. In einer Bäckerei hielt ich noch an um meine Jausenbox zu füllen. Ich liebe griechische Bäckereien wirklich sehr, mit ihren Schnecken und Kringeln und gefüllten Köstlichkeiten.

Mein Plan war nun, Larissa erneut zu umfahren und diesmal endlich die Strecke über Kanalia zu finden. Es war gar nicht leicht, die richtige Stadtausfahrt zu finden. Nach ein bisschen hin und her war ich am richtigen Weg. Beim Fußballstadion rauf über die Hügel, nur falls ihr auch einmal danach sucht. Die Strecke kannte ich zum Teil zwar schon, aber in entgegenkommender Richtung bei Dämmerung und einige Jahre her. Ich fand ganz gut zurecht und fragte ab und zu nach der richtigen Abzweigung. Die kleinen Dörfer zwischen den Plantagen waren schlicht und hatten aber eine sehr friedliche Ausstrahlung.

Kanalia, Griechenland.
Kanalia, Griechenland.

Kanalia, Griechenland.

Kanalia, Griechenland.

Nach dem ich nicht links Richtung Larissa abbiegen wollte, zog es mich nach Osten ans Meer. Ich fuhr einige Kilometer die Küste entlang, die Badeorte waren sehr ruhig und kaum Menschen am Strand. Einige Zeit später führte mich die Straße wieder vom Meer weg und ich kam genau am Talausgang von Tempe an die Kreuzung zur Nationalstraße oder Bundesstraße. Ab jetzt hielt ich mich immer Richtung Thessaloniki. Erneut vorbei am Olymp betrat ich Neuland. Es war unspektakuler bis langweilig. Aus gewissen Gründen verfranste ich mich auf die kostenpflichtige Autobahn und merkte, dass mein Roller auch noch Vollgas sehr gut lief und ich mit dem Verkehr gut mit floss. Trotzdem werde ich mit den Autobahnen nicht ganz warm und verließ das Band bei Gelegenheit. Gut, dass ich schnell wieder auf einer alten Nationalstraße landete. So spulte ich Kilometer für Kilometer ab, landete zwischendurch wieder auf der Autobahn und schluckte Staub. Doch als ich dann schon auf einer Beschilderung Türkei und Bulgarien angeschrieben sah, fuhr es mir ein wie der Blitz. Ich war schon wieder ein ganzes Stück weg von Wien, Istanbul wäre viel näher. Was würde ich alles tun, um einfach einmal mit unbegrenzter Zeit reisen zu können, sich einfach treiben zu lassen und Europa zu entdecken. Dabei habe ich für mich beschlossen, wahrscheinlich so bald nicht mehr nach Asien zu fliegen, dafür aber den CO2 Ausstoß mit meinem Roller auszubalancieren um hier mein Abenteuer zu suchen.

Die Umfahrungsstraße von Thessaloniki bot mir einen kleinen Eindruck der Stadt. Der Blick hinunter zum Hafen, die Häuser eng in die Bucht gebaut und den Berg hoch. Da wollte ich nicht runter. Dafür bräuchte ich einen wirklich triftigen Grund und der bot sich nicht. Heute musste aber Fußballspiel sein, denn einige hundert Meter vor mir war ein Typ mit seinem Roller unterwegs und hatte zwischen Beine und Schulter eine Fahne von PAOK Thessaloniki. Also die Fahne flatterte eigentlich über seinem Kopf und war richtig groß. So eine Stange hält man einfach nur mit beiden Händen fest und schwingt sie mit ganzem Körpereinsatz. Ich war begeistert und obwohl ich Fußball nicht so sehr verfolge, fasziniert mich die Energie, die dieser Sport auf seine Fans ausstrahlt. Ich fuhr an der schwarz-weiß-karierten Fahne vorbei und sah zu, dass ich Meter machte. Es war schon später Nachmittag und mein Ziel noch ein Stück von mir entfernt. Der direkte Weg über das Meer erschien mir doch viel kürzer. Nach dem ich die große Stadt hinter mir gelassen hatte, kam ich bald wieder in hügeligere Gefilde. Es zog sich schon langsam in die Länge und eine zusätzlich verpasste Abzweigung bescherten mir noch einige zusätzliche Kilometer. Allerdings war der Campingplatz von Neo Marmeras nicht mehr so weit. Dort war nämlich der Wendepunkt meiner Reise. Der am weitest entfernte Ort von Wien, den ich anpeilte. Als ich wieder die richtige Abzweigung nahm ging die Straße bald leicht bergab zu Meer. Das war ein gutes Zeichen für mich und ich drehte noch mal beherzt am Gasgriff. Entlang der Küste wurde ich von zwei tieffliegenden Aufklärungsflugzeugen überholt, die beide in einer synchronen Choreographie den Kurs wechselten. Man erkennt diese Flieger an dem linsenförmigen Aufbau am Dach. Mir kam der Gedanke, dass es sich hierbei nicht einfach um einen Testflug handelt. Ich befand mich übrigens auf halber Strecke zwischen Österreich und Syrien. Schade um das Land, schade um die Menschen. Der nahe Osten hätte so viel zu bieten.

Bald war ich auch an Neo Marmeras vorbei und fand die Straße zum Campingplatz auf Anhieb. Es war mittlerweile schon dunkel geworden. Die Dame beim Portier sprach sehr gut Deutsch und kannte den Namen meiner Freunde. Als sie mein Kennzeichen sah, brachte sie mich etwas verdutzt direkt zu ihrem Stehplatz und konnte kaum glauben, auf welchem Weg ich hierher kam. Meine Freunde waren ebenso überrascht und sagten eher plump: „Du wolltest ja erst morgen kommen!“ So genau war mein Zeitplan dann doch wieder nicht und meine zeitliche Abstimmung auch gerade eher schlecht. Sie waren eben mit dem Abendessen fertig geworden. Ich bekam ein kühles Bier und jausnete meine griechische Bäckerei, die noch übrig war. Alles Weitere gab es dann aus dem Campingplatzshop. Oh wie wunderbar das Camperleben nicht sein kann. Für ein paar Tage find ich es hier schon zum Aushalten, auch wenn meine Freunde eher irritiert waren. Dauercamper und Wohnwagenburgen waren in ihrer Kindheit noch nicht so angesagt und auch der ganze Platz war noch nicht so dicht besiedelt. Aber gut, sie haben, so finde ich, das Beste aus der Sache gemacht. „Morgen dann Wasserschifahren, wir haben ja unser kleines Motorboot mitgebracht.“ Das lasse ich mir sicher nicht entgehen dachte ich und schenkte noch Tsipouro nach.

Kelifos, die Schildkröten-Insel, Griechenland.
Kelifos, die Schildkröten-Insel, Griechenland.

Die nächsten Tage widmete ich dem Camperleben. Es war lustig, denn im Geiste plante ich ja den großen Mob. Wer diese Art von Campingplätze beobachtet, sieht sofort, dass manche Lager durch Fahnen ihres Fußballclubs oder Landes, so zu sagen Fahne zeigen. Die Leute haben ihre Badesachen auf Leinen zum Trocknen aufgehängt und im besten Fall den Vorplatz mit Kunstrasen begrünt und eine Einbauküche professionell installiert. Am Campingplatz neben dem Ohridsee schlug der Herr mit Disko-Lichtanlage unter dem Vorzelt aber alle anderen um Längen. Also um dem ganze Treiben Einhalt zu gebieten, hätte ich einmal so angefangen. Die jeweiligen Fans der Fußballclubs waren schnell ausgemacht und in der Luft liegende Rivalitäten somit schnell befeuert. Der Nachbar, der seiner Freundin ihren Bikinioberteil suchte, inspirierte mich noch zum geschickten Umhängen von Kleidungsstücken auf den Trockenleinen der jeweiligen Anhänger. Mit einigen hundert Meter starker Angelschnur, hätten sich noch geschickt die Sonnenliegen am Strand miteinander verknüpfen lassen. Denn es war so, der Strandabschnitt war von mitgebrachten Liegen und Sonnenschirme überseht. Die wurden zu Urlaubsbeginn ausgesetzt und blieben so lange stehen, bis dieser zu Ende war. Ob nun benutz oder nicht, das war egal. Das hat mich natürlich gleich mit unseren italienischen Nachbarn in ein Gespräch verwirrt, über die Handhabung von fremden Strandliegen. Also die Angelschnur in Kombination mit einer Anhängekupplung eines Campers oder besser noch, ein PS-starkes Motorboot, könnte ein schönes Arrangement am Meeresgrund ergeben. Daher der so genannte „Tommy-No!“-Effekt.

So vertrieb ich mir also in Gedanken treibend die Zeit, trank gerne meinen Café Fredo oder las in meinem Reisebuch weiter. Mein persönlicher Höhepunkt war aber mein erstes Mal Wasserski fahren. Da ich eigentlich früher ganz gut auf einem oder zwei Brettern unterwegs war, hielt ich es für realistisch, mich auch über Wasser zu halten. Beim ersten Versuch hatte ich einmal den Umgang und den Zug der Leine studiert. Wenn du nicht gleich auf die Beine kommst, lass lieber los, denn die Welle vor dir spült dir ganz schön die Kehle runter. Der zweite Versuch war schon sehr gelungen. Ich kam aus dem Wasser, hielt mich ein paar Meter aber wusste nichts übers Kurvenfahren. Also riss mich die Leine beim Scheitelpunkt der Kurve in die andere Richtung und ich lag erneut da. Nach ein paar kleinen Tipps von den Spezialisten hielt ich mich beim dritten Versuch für meinen Geschmack sehr gut auf den Beinen. Kurvenfahren ging so wie es mir erklärt wurde und ich schaffte sicher den ersten Achter. Was mir aber noch nicht so geläufig war, sind die auftretenden Fliehkräfte, je nachdem ob die Kurve innen oder außen genommen wird. Mit amtlicher Geschwindigkeit zog es mit beide Ski unter dem Hintern weg, welcher in Folge meinen Vortrieb stoppte. Die Welle bahnte sich nun anders herum seinen Weg. Nun gut, ich schnappt nach Wasser und dachte mir nur, Salzwasser ist wesentlich gesünder als Süßwasser, zumindest so herum. Auf jeden Fall freue ich mich schon auf die nächste Gelegenheit, diesen Sport auszuüben.

Nach drei oder vier Nächten hatte ich auch wieder meine Sachen gepackt und dachte langsam an die Rückreise. Meinen ursprünglichen Plan hatte ich ja über Bord geworfen als ich den Auftrag bekam, die albanischen Strände zu inspizieren. Somit war für mich die Rückfahrt über das Festland geplant und nicht mit dem Schiff nach Venedig. Nach meinem Frühstückskaffee verabschiedete ich mich herzlich von meinen Freunden und machte mich mit frisch gewaschener Wäsche und aufgefüllten Essens- und Wasserreserven auf den Weg zurück nach Thessaloniki. Wie gewohnt hielt ich etwa alle hundert Kilometer um zu tanken oder einen Café Fredo zu schlürfen. Nach dem ich mich bei Thessaloniki auf der Umfahrungsstrasse leicht verfranst hatte, dirigierte mich ein Tankwart auf die richtige Straße in Richtung Chalkidona. Hier hat Griechenland wieder ein ganz eigenes Gesicht.

Irgendwo zwischen Giannitsa und Edessa, Griechenland. – © Glänzel
Irgendwo zwischen Giannitsa und Edessa, Griechenland. - © Glänzel

Auf der alten Bundesstraße ging es entlang von Pfirsichplantagen weiter zur Stadt des Wassers, auch bekannt als Edessa. Dort hielt ich, um mir die schöne alte Stadt mit ihren Wasserfällen anzusehen. Das Trinkwasser aus dem Brunnen hat hervorragende Qualität und schmeckt richtig gut. Bei diesem Aufenthalt, verlor ich zum ersten Mal meine Landkarte.

Edessa, die Stadt des Wassers, Griechenland.
Edessa, die Stadt des Wassers, Griechenland.

Am alten Bahnhof, Edessa, Griechenland.
Am alten Bahnhof, Edessa, Griechenland.

Ich wusste genau, dass ich die Karte verlor, als ich entweder am alten Bahnhof das Foto schoss oder am Parkplatz oberhalb der Wasserfälle. Die Karte steckt immer im Nierengurt eingeklemmt, so ist sie schnell griffbereit, wenn ich die Jacke öffne. Nun hatte ich wieder eine kleine Mission. Der Versuch zum Bahnhof zurück zu finden scheiterte denn Ich fand den Weg einfach nicht mehr. Auch der Polizist, der mit mir schimpfte, als ich gegen die Einbahn fuhr, war mir keine Hilfe. Vor einem Geschäft hielt ich an und fraget nach einer Straßenkarte, aber leider nichts zu machen. Es war aber halb so schlimm, ich wusste ungefähr wo ich hinwollte, aber doch nicht ganz genau. Das lässt natürlich viel Spielraum und das ist gut so.

Nach Edessa Richtung Westen wird die Landschaft wieder wunderschön. Es geht aus dem Flachland raus und durch sehr dünn besiedeltes Gebiet, lange Hügelketten ziehen an einem vorbei, die Straßen kaum befahren, ab und zu ein Ladewagen voll mit Pfirsichkisten, es war ja gerade Erntezeit. Ich querte eine Bahntrasse mit Vorsicht, das Stoppschild war hinter einem Busch verwachsen. Gemütlich bretterte ich durch die Gegend, mir war aber die Ölspur auf meiner Fahrbahn nicht entgangen. Nach einer Weile entwickelt sich ein besonderer Sinn für seine Umgebung. Ein Auge beobachtet den Untergrund vor dir, das zweite schweift in die Ferne und wandert von Fahrbahnrand zur anderen Seite und zurück. So hat man eigentlich alles gut im Blick.

Wer das allerdings nicht hatte, war der Schweizer mit seiner Gefährtin und Motorrad, der etwa zwei Kilometer nach der Bahnkreuzung zum Stehen kam. Er winkte, ich stoppte. Er war aufgelöst, ich hörte gespannt zu. Vollbeladen hat er den Bahnübergang zu schnell genommen und ist mit der Bodenplatte des Motors ordentlich aufgeschlagen. Das dürfte ihm aber nicht so ganz bewusst geworden sein, erst als das ganze Öl ausgelaufen war und der Motor trocken lief. Ich denke einmal, kapitaler Motorschaden. Ich weiß nun, dass so ein Motor ungefähr zwei Kilometer ohne Schmierung hält. Das nur die technischen Details am Rande. Der Fahrer so an die Fünfzig, ordentlich austrainierte Muskeln, aber mehr der Typ Anabolika. Schlechte Zähne und Mister Propper Frisur. Ob das von den Hilfsmitteln kommt? Jedenfalls sollen Menschen ja nicht nach ihrem Aussehen beurteilt werden aber als er den Mund aufmachte war das für mich die Bestätigung, dass Eiweißabbau im Hirn stattgefunden hat. Der arme Kerl wusste nicht was er machen sollte denn niemand hielt an und wenn, dann waren es Pfirsichtransporter die voll beladen waren. Zumindest hatte er Pfirsiche bekommen, wahrscheinlich noch nicht ganz reife. Im weiteren Gespräch fand ich heraus, dass er seine Rückholversicherung im Juli nicht verlängert hatte, er dachte er würde sie nicht brauchen. Mein Mitleid hielt sich noch mehr in Grenzen. Ich winkte einmal ganz eindrucksvoll und der entgegenkommende Motorradfahrer blieb sofort stehen. Dachte ich mir ja, dass das ganz gut geht, wenn nur fest genug gewollt. Ich deutete dem Muskelmann, dass er nun an der Reihe wäre. Seine Freundin versuchte 50 Meter weiter Telefonempfang zu finden um die Versicherung zu erreichen. Wenn er nur lieb genug gefragt hätte, würden sie ihm die trotzdem verlängern und für seine Heimholung sorgen. Der Motorradfahrer war weg und der Schweizer nicht viel schlauer. Ich glaube es war Sonntag und ich hatte noch nie zu vor einen so unbeholfenen Menschen getroffen. Mir war klar, dass auch mir so was in der Art passieren konnte, hatte glaube ich aber einen Plan oder mehrere parat. Diese unterbreitete ich ihm. Entweder er schiebt seine Honda da um die Ecke auf den Schotterweg und stoppt in die nächste große Stadt, welche Florina oder Edessa war. Von dort aus könne er ja besser organisieren. Die zweite Möglichkeit unterbreitete ich ihm nicht, denn seine doch sympathisch wirkende Beifahrerin hätte ich gerne mitgenommen um in der nächsten Stadt mit ihr zu essen und er könne so lange auf sein Motorrad aufpassen. Romantisch fuhren wir in den Sonnenuntergang. Aus meiner Tagträumerei ausgestiegen bot ich dem Herrn und seiner besseren Hälfte mein frisches Quellwasser an und trank selber noch einen ordentlichen Schluck, bevor ich ihnen den Liter überließ. Bei so viel Beratungsresistenz könnten die noch eine Weile hier liegen bleiben. Nach dem ich ihr Problem aber auch nicht zu meinem machen wollte und die beiden ja heil auf waren, verabschiedete ich mich mit den besten Glückwünschen und lobte in Gedanken meinen braven Roller und auch meinen Fahrstil, der doch intuitiv das Richtige zu machen scheint. Einige Kilometer weiter kreuzte ich wieder die alte Nationalstraße, die ich vor einigen Tagen schon einmal gequert hatte, nur in eine andere Richtung. Heute aber steuerte ich noch Kastoria an.

Kraftwerk in Filotas, 2, Griechenland.
Kraftwerk in Filotas, 2, Griechenland.

Irgendein gemähte Wiese mit Bewässerung, Griechenland.
Irgendein gemähte Wiese mit Bewässerung, Griechenland.

Offensichtlich war vor kurzem hier ein Gewitter niedergegangen. Der Himmel war noch von schwarzen Wolkenfetzten bedeckt und die Felder dunsteten. Die Straßen waren aber bis auf kleine Lacken sehr trocken, ich denke da verdunstet alles schnell bei der hohen Belagstemperatur. Nach einer Weile kam ich wieder aus einer Tiefebene hinaus, die Straße ging den Berg hinauf und ich durchfuhr ein kleines Dorf nach dem anderen. Kein Tourismus, kaum Verkehr. Ein paar Kinder kamen neugierig meinem Roller nahe als ich Wasser einkaufte. Meines war ja nun bei den Liegengebliebenen geblieben. In dieser Gegend hier fühlte ich mich sehr wohl und fast etwas wie zuhause. Die frische feuchte Luft tat mir sehr gut und ich wusste, dass ich langsam genug für den Tag hatte.

Pass zwischen Lechovo und Verga, Griechenland.
Pass zwischen Lechovo und Verga, Griechenland.

Pass zwischen Lechovo und Verga, Griechenland.

Pass zwischen Lechovo und Verga, Griechenland.

Den Pass hinunter ging es in schönen langgezogenen Kurven und im Tal bot sich ein magischer Anblick. Die fruchtbare Ebene dampfte aus und im Nebel waren bizarre Sträucher und Bäume zu sehen, die sich wie Fabrikschlote in den Himmel streckten. Die Näheren waren noch runder und die weiter weg, schon nach oben in die Länge gezogen. Das ist auch wieder so ein Moment, der sich nur im Ansatz mit der Kamera festhalten lässt. Ich hielt um ein Bild zu machen und verharrte noch eine Weile um diese Komposition in mich aufzusaugen. Nach wenigen Kilometern war ich in Kastoria angekommen und ließ mir vom Besitzer einer kleinen Gyros-Bude ein Hotel empfehlen. Es war in der Altstadt, schlicht und sauber, so wie ich es mag. Den Abend verbrachte ich mit einem ausgedehnten Spaziergang, Café Fredo und Retsina am Seeufer. Diese kleine Perle am See habe ich ebenso in mein Herz geschlossen. Es wirkt sehr friedlich, die Geschäfte hatten am Abend noch offen und die Bewohner trieben sich der Promenade entlang oder saßen in Cafés und auf Bänken in kleinen Parks. Natürlich fand ich noch eine überteuerte Straßenkarte von Europa, bekam aber einen Kühlschrankmagneten dazu geschenkt. Abends im Hotelzimmer schnitt ich mir noch den Kartenausschnitt zurecht und war bald eingeschlafenen. Morgen dann ein neuer Tag mit neuem Glück.

Steg am Kastoria See, Griechenland.
Steg am Kastoria See, Griechenland.

Gute gelaunt begann ich den Tag mit kaffeekochen im Zimmer und trank ihn bei guter Aussicht vom kleinen Balkon aus, blickte über die alten Ziegeldächer der Häuser hinweg auf das umliegende Verno Gebirge. Für den Tag hatte ich den Weg nach Albanien geplant, eventuell Ohrid See und Umland, aber nicht auf dem direkten Weg. Als ich aufbrach war ich der einzige auf den Straßen, bis auf eine Hand voll Hunde, die ihre morgendliche Streiftour zogen. Ich fand meine Spur und es ging ab in die Berge. Die Straße war eng und der Wald dicht durchwachsen, typisch waren wieder die Sträucher und Farne, die in die Straße herein wuchsen. Nach einigen überwundenen Höhenmetern war ich am Fuße des höchsten Gipfels angekommen. Eine Pferdeweide breitete sich in alle Richtungen hin aus und eine alte Militärbasis lag weiter den Berg hinauf vor mir.

Vitsi im Verno Gebirge, Griechenland.
Vitsi im Verno Gebirge, Griechenland.
Vitsi im Verno Gebirge, Griechenland.
An der kleinen Kreuzung zwischen Weide und Basis war die Straße mit rotweißen Plastikpylonen und einem Schranken abgesperrt, was aber weder das eine Auto, noch mich daran hinderten, einfach herum auszuweichen. Es war ja genug Platz da. Diese Barriere war eher pro forma und alle Einheimischen kannten diesen Schleichweg, da war ich mir ziemlich sicher. Die Abfahrt Richtung Florina war eine wunderschöne Strecke, kurvig aber flott zu fahren. Der Weg führte ins Tal hinab, durch kleine Dörfer und einer leerstehenden Hotelanlage vorbei. Nach einer Weile war ich wieder mitten in Florina, am Kreisverkehr fragte ich eine Gruppe gelangweilter junger Polizisten nach dem Weg Richtung Prespa Nationalpark und schlug einen Haken wieder zurück durch das Verno Gebirge. Diesmal allerdings weiter nördlich und auf Albanien zusteuernd. Es ging wieder kurvenreich bergauf und bergab, was mir natürlich besonders Freude bereitete. Die kleinen Dörfer die ich jetzt erleben durfte, waren zum Teil echte Geisterstädte. Ab und zu sah man ein belebtes Haus und am Dorfplatz unter dem Baum im Schatten ein paar Männer beim Tavli spielen und Kaffee trinken. Zu Mittag hielt ich Psarades, ein kleines Dorf am Prespen See. Auch hier war wenig los, ein paar Griechen machten Tagesausflüge hier her aber sonst war es äußerst ruhig.

Psarades am Prespen See, Griechenland.
Psarades am Prespen See, Griechenland.
Basketballplatz in Psarades, Griechenland.

Nach einem relativ teuren Griechischen Salat und einem guten Espresso führte mich der Weg wieder zurück zur Hauptstraße, denn Psarades war eine Einbahn. Die ganze Zeit bewegte ich mich im Dreieck zwischen Albanien, Griechenland und Mazedonien. Ich glaube sogar, dass ich mehrmals am Tag die Seite gewechselt habe, was den ein oder anderen Grenzbeamten stutzig machte. Im Zusammenhang mit meinem Roller machte das Ganze Auftreten dann aber doch wieder Sinn und ich hatte eigentlich niemals genauere Kontrollen, außer eben den Reisepass. Um den Prespen See herum war der Landweg durch Albanien etwa 60 Kilometer. Er führte in eine fruchtbare Ebene hinab, um dann wieder in den Nationalpark Richtung Mazedonien zu biegen. Entlang des Seeufers waren Bauern angesiedelt, die wie ich meine hier gute Arbeit verrichteten. Überall waren Weiden und Felder, die Menschen wirkten sehr beschäftigt.
Nach einer weiteren unspektakuleren Grenzkontrolle war ich in Mazedonien und mein weg führte mich durch einen durchwachsenen Wald in engen Serpentinen den Berg hinauf. Die Kurven wollten nicht aufhören und irgendwann lichtete sich das Buschwerk und der Felsen kam. Ich begegnete Wanderern und Radfahrern, hier war etwas mehr los als ich die letzten Tage gewohnt war. Am Pass angekommen hielt ich neben einem neuen Audi und einem älteren Mercedes und genoss den Ausblick, der sich unter mir auftat. Der Ohrid See lag zu meinen Füßen und es ging da wirklich steil bergab.

Trpejca am Ohrid See, Mazedonien.
Trpejca am Ohrid See, Mazedonien.

Eine Gruppe junger Männer stand um die geöffnete Motorhaube des neuen Audi herum, starrte auf die Plastikabdeckung und lauschten dem laufenden Motor. Der Besitzer war eine einem besonders stolzen Gesichtsausdruck auszumachen. Ein kleiner Mann um die 70 kam auf mich zu, es war der Fahrer des alten Mercedes, der mit drei jungen Mädchen unterwegs war. Er fand meinen Roller sehr gut und erzählte mir von seiner Lambretta, die er vor langen Jahren besaß. Er hatte für längere Zeit in Österreich gearbeitet und sprach sehr gutes Deutsch. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut und er war sehr stolz auf meinen Roller, dass der so weit reisen konnte. Allerdings war er nicht überrascht, es war ja eine Lambretta. Fast religiös legte er seine Hand auf den Lenker und strahlte im ganzen Gesicht. Es war so ein guter Moment. Seine Enkeltochter hatte Besuch von Freundinnen aus der Schweiz heute waren sie auf einem Tagesausflug. Die drei jungen Damen grinsten aus dem Auto und winkten wir herzlich zu. Jung waren sie aber umwerfend. Ich glaube das lag hier in der Familie. Der mir namenlose Mann und ich verabschiedeten uns mit einem Handschlag und wünschten uns gegenseitig Glück für das rechtliche Leben. Eine kurze aber selten schöne Begegnung ging zu Ende. Sie fuhren ab und ich winkte noch hinter her, die Mädels zurück.

Über zahlreiche Serpentinen bahnte ich mich durch den Nationalpark. Am Fuße des Passes war eine Art Mautstelle, der Parkangestellte kümmerte sich aber nicht um mich und meinen kleinen Roller.
Nach wenigen Kilometern dem Ufer entlang fand ich einen tollen Campingplatz, genannt Camping Gradishte. Ich schrieb mich ein und fuhr die Gegend auf und ab, um einen guten Platz für mein Zelt zu finden. Nach der dritten Runde hielt ich bei einem Wohnwagen-Ferienhaus und ein Mann sprach mich an. Sie beobachtet mich schon eine Weile und auf seinen Rat hin nahm ich einen guten Platz an. Wir befanden ihn beide für optimal. Das war er auch. Nach einer Abkühlung im See kaufte ich Verpflegung um kleinen Supermarkt. Börek und Schwarzbier, dazu noch gesalzene Sonnenblumenkerne und den Speck der mir noch übrig war, ergaben eine ausgezeichnete Jause. Zu meiner Belohnung wurde mein Abendessen noch von einem gewaltigen Gewitter belohnt, dass von der Albanischen Seite her über den See zog. Es verfehlte allerdings den Campingplatz, zu meinem Glück. Abends trank ich noch ein Bier in der Strandbar und wurde auf eine Gruppe junger Tschechen aufmerksam. Nach dem ich mich zu ihnen gesellt hatte, war der Abend so gut wie gelaufen. Wir tranken noch und hatten Spaß, tauschten uns über unsere Reise aus und gingen gut angeheitert schlafen. Morgen war ein neuer Tag und ich wollte wieder zurück nach Albanien.

Nach einem kurzen Sprung in den Ohrid See fühlte ich mich frisch wie ein Fisch und begann meinen Roller zu beladen und verabschiedete mich vom Campingplatz. Ich hielt in Ohrid an der Riviera um in einem netten Café mein Frühstück zu mir zu nehmen. Menschen schlenderten die Promenade auf und ab und ich hatte das Gefühl, hier stundenlang sitzen zu können. Nach einem ordentlichen Espresso und einem Sandwich brach ich auf um auf die andere Seite des Sees zu kommen. Nach einer weiteren gemütlichen Stunde am Roller war ich wieder einmal an der albanischen Grenze angelangt. Durch meine mittlerweile zahlreichen Stempel und Einträge im Computersystem war ich recht schnell und unauffällig unterwegs, ein Reisender eben. Auf der albanischen Seite angekommen erhob sich in mir wieder ein abenteuerliches Gefühl, denn diesmal hatte ich mehr als nur eine Nacht geplant, zu bleiben. Mein Weg führte mich erst einmal nach Elbasan, einer alten Stahlstadt. Die Straße dorthin führt durch ein langes abschüssiges Tal, immer einer stillgelegten Eisenbahntrasse entlang und einem Fluss, der Rot vom ausgewaschenen Lehm war. Wieder einmal hatte ich das Glück etwas zu langsam zu sein, auf einer kleinen Brücke war ein Kleinwagen in einen Personenbus gekracht, keine Verletzten zum Glück. Mein ganzes Leben lang habe ich noch nicht so viele Unfälle miterlebt wie bisher auf meiner Reise. Die blockierte Straße war für mich leicht zu überwinden und ich schlängelte mich an den Wägen vorbei. Die Dehnungsfuge der Brücke war auch ein ordentlicher Graben, der kann auch schnell einmal nach deinem Reifen schnappen. Nun war mein Vorteil, dass ich für eine Weile einen freien Rücken hatte, da ja hinter mir alles stillstand. Den entgegenkommenden Autos signalisierte ich mit meiner Hand und die meisten bedankten sich dafür mit einer erwidernden Geste. Es lief wirklich alles wunderbar und bald war ich vor Elbasan. Ich wusste von einem stillgelegten Stahlwerk, das ich mir ansehen wollte und mit der Information: „… liegt mitten in der Stadt.“ Konnte ich es nicht wirklich auf Anhieb finden. Dafür kurvte ich um die alten Stadtmauern der Innenstadt und durch die kleinen Gassen mit ihren Geschäften. Nach einer Weile war es für mich einfach nur logisch, dass so ein großes Industriegelände, wie es mir erzählt wurde, einfach nicht in der Stadt liegen kann, das ist ja wohl auch klar. Ich änderte meiner Route mit dem Gedanken, dass mich das Ding sicher findet und ich es einfach nicht übersehen kann. Zehn Kilometer weiter war ich vor dem Einfahrtstor beim alten Portierhäuschen mit repräsentativen Zierbrunnen angekommen.

Stahlwerk Elbasan, Albanien.
 Portierhäuschen im Stahlwerk Elbasan, Albanien.

Zierbrunnen im Stahlwerk Elbasan, Albanien.

Der rote Faden im Stahlwerk Elbasan, Albanien.

Stahlwerk Elbasan, Albanien.

Stahlwerk Elbasan, Albanien.

Stahlwerk Elbasan, Albanien.

Stahlwerk Elbasan, Albanien.

In einem Areal war immer noch Betrieb und dort luden Lastwägen Altmetall ab. Ich hielt an, ein Portier kam auf mich zu und fragte ob ich Hilfe benötige. Überraschte lehnte ich dankend ab und fragte ob es möglich sei, mich hier umzusehen. „Klar, kein Problem, machen sie nur.“ Also fuhr ich langsam durch die völlig absurde Stahlwelt und dachte an Tarkovsky´s Stalker und Mad Max abwechselnd. Mein sonst so starker Entdeckungsdrang war von der respektvollen Vorsicht in Schach gehalten. Mein Vorsatz war, keine Stiegen gehen, nicht klettern, keine Räume betreten, nur festen Boden unter den Beinen und entlang der Straßen. Nichts brachte ich mehr als einen gebrochenen Fuß oder einen Absturz in ein Loch. Ich war wie weggetreten von den mächtigen eindrücken und dem weitläufigen Areal. Es roch immer noch nach Kohle und in der Ferne stieg noch Rauch auf. Nach einer Stunde kehrte ich dem alten Stahlwerk meinen Rücken zu und fuhr langsam weiter. Auf den nächsten Kilometern waren noch kleinere Metallverarbeitende Betriebe angesiedelt, einiges noch in Betrieb und anderes ebenso stillgelegt. Für diesen Tag hatte ich eigentlich mein Ziel erreicht und wusste nicht so recht, wo ich hinsollte. Tiranë wollte ich nicht besuchen und so entschied ich mich erst einmal Richtung Westen an die Küste zu fahren. Meiner Entscheidung nach folgte ich der Straße in einem weiten Tal das links und rechts von sanften Gebirgszügen flankiert war. Ganz glücklich war ich nicht mit meinem Plan, denn die Berge waren wohl doch sehr schön hier in Albanien. Zum Trotz steuerte ich auf das Meer zu, die Straße ging im Flachland nur mehr gerade aus und als ich langsam nicht mehr wusste, wo ich hinsollte, war ich auch schon in Durrës angekommen. Riesige Wohnblöcke entlang der Küste, nicht besonders einladend aber jetzt war ich schon mal da. Planlos streifte ich herum, sah ungewöhnlich viele Autos mit platten Reifen am Straßenrand der Stadtautobahn und hielt dann beim Hafen an. Mehr als eine Dose Zuckerschock und ein große Flasche Wasser kaufte ich hier nicht ein und beschloss sofort wieder weiter zu fahren. Es war nicht meine Stadt. Das Wetter schlug auch um und es wurde ziemlich bewölkt mir Wind vom Meer kommend. Nach einer Kehrtwende ging es wieder 40 Kilometer gerade aus zurück. So lernte ich die SH4 von beiden Richtungen kennen. Nach dem mir das ewige gerade aus zu viel wurde, beschloss ich die Autobahn zu verlassen und mich auf den alten Bundesstraßen zurecht zu finden. Autobahn war eigentlich der falsche Ausdruck, denn die Autos fuhren höchstens 100km/h und alle paar Kilometer war ein Kreisverkehr, der wie eine Abfahrt funktionierte. Die alten Bundesstraßen entlang der SH4 waren aber auch nicht ohne. Der Belag hatte furchen in alle Richtungen und so kroch ich den halben Nachmittag dahin. Immer noch planlos traf ich die Entscheidung, so schnell als möglich einen Schlafplatz zu suchen und einfach nur herum zu sitzen und zu überlegen, wo ich hinwollte.

Nach dem ich in Fier angekommen war, hatte ich zumindest das Flachland hinter mir und die Straße wurde wieder abwechslungsreicher aber der Verkehr auch dichter.

Umgestalteter Personenbunker in Fier, Albanien.
Umgestalteter Personenbunker in Fier, Albanien.

Unhaltbar ging es aber weiter und die Straße führte nun durch ein Naturschutzgebiet nahe der Küste. Hier wurde Meerwasser auf große Felder geflutet um es danach verdunsten zu lassen. Riesige Salzberge türmten sich auf und dahinter schoben sich Wolkenberge über die bald untergehende Sonne. Ein Anblick, der sich in mir für immer eingebrannt hat. Trotz großer Lust hielt ich es für eine schlechte Idee am Pannenstreifen zu halten, um schnell ein Foto zu schießen. Nun gehört es eben zu den paar persönlichen Erinnerungen in meinem Kopf. Oftmals sind das die schönsten Bilder.
Kurz vor Vlorë war aus der Schnellstraße eine Schotterpiste geworden und ich warf den Anker. Rechts war eine Abbiegung Richtung Küste und die nahm ich. Kurz darauf waren kleine Siedlungen zwischen breiten Schilfgürteln, angrenzend an den großen dunklen Kiefernwald. Ein Schild mit einem Campingwagen lockte mich und ich hielt am Strand angekommen bei einem kleinen Pavillon. Ein paar Gäste waren im Meer baden und außer mir war noch das Personal da. Von denen wusste aber keiner von einem Campingplatz, was aber auch nicht wichtig war, weil ich ja schließlich eh hier mein Zelt aufstellen konnte. Das Angebot nahm ich dankend an und war glücklich über einen sicheren Schlafplatz für diese Nacht. Mit einer Flasche Bier in der Hand legte ich mich in eine Strandliege und beobachtete das Treiben der Wellen und Wolkenberge. Die gegenüberliegende Insel verschwand bald im Regen und Blitze zuckten immer regelmäßiger vom Himmel. Gut, dass ich hier angekommen war. Es dauerte keine zwanzig Minuten mehr und ein Gewitter drehte sich im Kreis über uns. Der Regen kam horizontal vom Meer herein und man bot mir in der Küche des Pavillons Unterschlupf. Die beiden Kinder des Personals freuten sich wahnsinnig über zwei Aufkleber, die ich aus meiner Brusttasche zauberte. Nach dem das Unwetter wieder von Vlorë zurück kam und noch ein paar Sonnenschirme durch die Luft wirbelte, verzog es sich wieder auf das Meer hinaus, wo es herkam.

Mittlerweile hatte das Personal dichtgemacht und ich machte mich daran, einen geeigneten Platz für mein Zelt zu finden. Der Boden war natürlich getränkt, aber auf einem langgezogenen schmalen Erdwall, der mit Kiefernnadeln bedeckt war, ging sich genau mein Zelt aus. Sollte es in dieser Nacht noch einmal Regnen, wachte ich wenigstens nicht in einer großen Lacke auf. Die Hunde in der Umgebung machten mir noch etwas sorgen, aber die Besitzer hatten ihren gleich an dem übernächsten Baum angebunden, mit einer ordentlich langen Leine. Der Hund war meine Versicherung und ich wünschte ihm noch eine gute Nacht. Außer mir war aber noch ein anderer Herr hier geblieben. Er machte es sich in seinem Klappbett unter dem Dach neben der Bar gemütlich. Anscheinend hat hier immer jemand Nachtdienst. Das war schon auch ein beruhigendes Gefühl. Bald war ich eingeschlafen. Für den nächsten Tag gab es wieder ein Ziel. Die Küste entlang weiter Richtung Süden, eine Ehrenrunde durch Albanien war ich diesem wunderschönen Land und mir einfach schuldig.

Strand im Kiefernwald bei Vlorë, Albanien.
Strand im Kiefernwald bei Vlorë, Albanien.

Die Nacht über blieben erneute Niederschläge aus und am nächsten Morgen war die Sonne daran, alles wieder aufzutrocknen. Ich packte mein nasses Zelt zusammen, kochte mir in der Zwischenzeit einen Espresso und genoss die Katzenwäsche mit dem bisschen Wasser, das noch aus der Stranddusche rauslief. Der Weg zurück durch den Kiefernwald war spektakulär, die aufgehende Sonne, die Wiesen dampften, Wolken, Nebelschwaden, Sonnenschein. Die Luft war so feucht, dass mein Helmvisier sofort beschlug. Ich rollte gemütlich dahin, durch die Stadt Vlorë, die noch halb unter Wasser stand. So machte es zumindest den Anschein. Das heftige Gewitter hatte seine Spuren hinterlassen. Auf der unebenen Straße hatten sich riesige Lacken gebildet. Auch wenn sie nur seicht wirken, können sich unter ihnen ordentliche Schlaglöcher verstecken, die nur darauf warten, einen vom Roller abzuwerfen.

Die Küste entlang war reger Frühverkehr im Gange und ich fuhr sehr konzentriert. Nach dem ich aus der Stadt draußen war, ging es die Küste entlang, bis nach der nächsten Ortschaft die Straße abbog und sich ein langer Bergrücken zu meiner rechten formierte. Bald darauf führte die Straße in Serpentinen durch dichten Wald den Llogara-Pass hinauf. Hier befindet sich die Wasserscheide zwischen Adriatischem und Ionischen Meer. Eine naturgegebene Grenze. Vom Meer aus geht es innerhalb von wenigen Kilometer auf 1027 Meter hinauf. Am Pass angekommen nahm ich ein im Panorama Café mein Frühstück zu mir. Joghurt mit Honig und Walnüssen. Der Ausblick war nicht schlecht. Vor mir das Ionische Meer, am Horizont sah ich Korfu und steil unter mir lange weiße Strände. Die Passstraße zog sich in langen Serpentinen hinab und im Gegensatz zur westlich gelegenen Seite des Passes, war die Landschaft karstig. Ein harter Kontrast bot sich hier innerhalb weniger Kilometer.

Blick Richtung Orikum, Albanien.
Blick Richtung Orikum, Albanien.

Llogara-Pass, Albanien.
Llogara-Pass, Albanien.

Nachdem ich mich vom Meer satt gesehen hatte schwang ich mich wieder auf den Sattel und genoss die kurvige Abfahrt der Passstraße. Es ging rasant den Berg hinunter und ich stoppte erst am Strand, den ich vom Panorama Café aus gesehen hatte. Hier waren auf der einen Seite Offroad-Camper mit ihren Geländewägen, zwischendurch ein paar VW-Busse und auch einzelne Zelte. Der Strand war steinig, langgezogen und bot so viel Platz für jeden. Es hatte sich auch schone eine Infrastruktur gebildet, neben einer Hand voll Campingwägen und Wohnmobile war ein Imbissstand und eine Duschkabine. Ich dachte an mein nasses Zelt und daran, dass ich es bald irgendwo trocknen sollte. Jetzt wollte ich aber erst weiterkommen, mein Frühstück war erst kurze Zeit her und meine Neugierde sehr groß. Es ging also die Küste weiter Richtung Süden. Eine traumhafte Straße schlängelte sich dem Meer entlang, immer wieder in eine Senke hinab und wieder hinauf, manchmal verlor man den Blickkontakt zum Meer, nach der nächsten Kurve tauchte es aber wieder vor einem auf. Ich hatte für mich die ideale Küstenstraße gefunden. Es ging zügig voran, nicht zu langsam, nicht zu schnell. Auch die Ortschaften waren nicht so dicht aneinander gesiedelt, so dass ich gut in Fahrt blieb. Immer wieder machte ich kleine weiße Schotterstrände aus, jedoch wollte ich nicht baden, sondern fahren. Es wurde langsam gegen Mittag und mir war jetzt nach einer Pause. Wie auf Bestellung kam mir ein perfekter Platz zum Rasten unter.

U-Boot Basis mit Bunker in Porto Palermo, Albanien.
U-Boot Basis mit Bunker in Porto Palermo, Albanien.

Kurz nach der alten Militärbasis lag Kalaja e Porto Palermos. Die alte Burg war auf einer kleinen Halbinsel errichtet worden. Ihr Grundriss ist dreieckig und sie besitzt ein begehbares Flachdach. Ich hielt hier an und lud mein ganzes Gepäck ab, schlüpfte in meine Badehose und schwamm erst einmal eine Runde. Neben mir waren Albaner am Campen, ich denke sie waren schon ein paar Tage, denn sie hatten es sich gemütlich eingerichtet. Nach dem ich mein Zelt und meinen Schlafsack in der prallen Mittagssonne ausgebreitet und mit großen Steinen fixiert hatte, ging ich rauf zur Burg. Der freundliche Herr am Eingang verkauft mir eine Karte und bedankte sich freundlich auf Deutsch. Immer wieder bin ich erstaunt, wie manche Menschen schnell erkennen können, mit wem sie es zu tun haben. In seinem Fall glaube ich aber, dass er schon seit vielen Jahren hier am Eingang sitzt und Karten verkauft, Berufsroutine quasi. Nach der gründlichen Begehung der Burg machte ich mich wieder zurück zu meinem Lager. Das Zelt und meine anderen Sachen wurden erneut in der Sonne gewendet, alles trocknete sehr schnell. Mir waren weiter rauf zur Burg ein paar Autos mit österreichischen Kennzeichen aufgefallen. Junge Menschen mit Hund und lustigen Frisuren. Sie waren gerade dabei die Halbinsel zu verlassen. Nach einer genaueren Gesichtskontrolle war mir die eine oder andere Person bekannt. Die Welt ist ja bekanntlich nur ein Dorf. Ich grüßte freundlich und das wurde mit großen Augen erwidert.

Meine Sachen waren wieder staubtrocken und ich machte mich weiter auf den Weg. Folgendes hatte ich mir nun vorgenommen. Die Stadt Sarandë sollte mein südlicher Wendepunkt sein. Schließlich muss ich mich ja auch irgendwann auf den Weg zurück nach Wien machen. Der Rückweg durch Albanien sollte aber im Landesinneren geschehen, denn die Berge waren hier wie schon erwähnt, das für mich beeindruckende an diesem Land. Meine Fahrt zog sich also noch eine Weile weiter entlang der Küste, angenehmer Verkehr, kleine Ortschaften die nicht überlaufen wirkten und eine tolle Landschaft boten sich mir. Bald führte die Straße von der Küste und ich kam Sarandë immer näher.

Landschaft kurz vor Sarandë, Albanien
Berglandschaft kurz vor Sarandë, Albanien.

Zielgerade kurz vor Sarandë, Albanien.

Nach einer kleinen Ehrenrunde durch die Hafenstadt drehte ich um und bog am Ortsbeginn am Kreisverkehr nun richtig ab. Ich verschwand Richtung Bezirk Gjirokastër. Dieser lag im Nachbartal und ich durfte wieder einmal einen Pass überqueren. Bis dahin aber führte die Straße die längste Zeit einem Flussbett entlang und später schlängelte sie sich den Berg hoch. Es war ein saftiges Grün, bis ich zu einem Felseinschnitt kam. Am ziemlich höchsten Punkt des Berges wurde einfach ein Schlitz durch den Kamm getrieben. Links und rechts von mir waren die Gesteinsschichten deutlich sichtbar und in der Fahrt begannen diese zu flimmern, da die einzelnen sehr dünn waren. Insgesamt war es eine große Steinwelle, durch die ich eben fuhr. Im Tal angekommen zog sich die Bundesstraße ziemlich gerade hin und für mich ging es weiter Richtung Norden. Für mich gab es wenig zu sehen, außer der beeindruckenden Landschaft. Mir machte es nichts aus, dass mein Tempo etwas rascher war, die Küste entlang war ich eh sehr gemächlich unterwegs und es war mir auch recht, den Motor einmal richtig durch zu putzen. Kurz vor der Stadt Gjirokastër liegt Lazerat. Die Geschichte dieses Dorfes ist auf seine eigene Art ziemlich interessant. Hier wird so viel Hanf angebaut, dass der Ertrag am Schwarzmarkt angeblich das halbe Bruttosozialprodukt Albaniens ausmacht. An der Abzweigung standen Polizisten mit Schusswesten und alten Maschinengewehren bewaffnet. Liest man Medienberichte, haben die Bewohner des kleinen Dorfes vor ein paar Jahren die Polizei erfolgreich aus ihrer Region vertrieben und ihren Posten besetzt. Mit Zuhilfenahme schwerer Waffen, dass versteht sich natürlich von selbst. Meine Gesundheit ist mir lieber als meine Leben, deshalb fuhr ich gemächlich weiter, an den Bewaffneten vorbei. An der nächsten Tankstelle stoppte ich um wieder aufzutanken und unterhielt mich recht nett mit dem alten Tankwart. Er überließ mir seinen Stoffetzten um mir die Hände nach dem Tanken abzuwischen. Es war eine sehr nette Geste von ihm.

Nach einer weiteren Ehrenrunde in Tepelenë kehrte ich wieder um. Meine Karte war nicht besonders genau und ich hatte die Abzweigung Richtung Nord-Osten verpasst. Mir war des etwas rätselhaft, denn neben der Straße ging es steil bergab zum Flusslauf, ich hätte da ja eine Brücke sehen müssen. Erst am Rückweg, wieder vorbei am freundlichen Tankwart, sah ich eine kleine Abzweigung bergab zum Fluss hinunter. Nach einem U-Turn ging es über eine kleine Brücke hinüber ins abgehende Tal. Die Gegend war sehr idyllisch, die Straße zog sich in weiten Kurven dem nächsten Fluss entlang in Richtung Berge hinein. Die Krönung waren einige Kilometer schwarzer, frischer Asphalt, der noch duftete, weil er so frisch verlegt war. In Albanien werden sehr viele der alten Schotterstraßen auf Vordermann gebracht und die gedruckten Straßenkarten sind oft nicht mehr Aktuell. Was noch als kleine unbefestigte Straße eingezeichnet war, konnte schon ein frische, schwarze, Asphaltpiste sein.

Oder auch umgekehrt!

Bis nach Ballaban war ich schnell gekommen. Es war schon Nachmittag und ich wollte eigentlich sehen, was mich in Berat erwartet. Allerdings wirkte die Ortschaft für mich etwas wie eine Sackgasse. Ab Ortsende war die Straße mit Schlaglöchern übersehen und es ging noch einen Kilometer gemütlich dahin. Nun war aber eine Entscheidung fällig, wählen sie doch Weg eins, zwei oder drei.

Weggabelung nach Ballaban, Albanien.
Weggabelung nach Ballaban, Albanien.

Meine Karte war jetzt auch nicht so genau und somit beschloss ich einfach einmal zu rasten. Wenn du nicht weißt wie es weitergeht, wird es schon wer anderer wissen. Es dauerte keine 10 Minuten und ein Motorrad blieb stehen. Ein Italiener Mitte 40 mit deiner Freundin, beide wollten eine Tagestour mit unternehmen. Wir begrüßten uns und tauschten Ideen aus, welche die richtige Abzweigung sein könnte. Kurz darauf gesellte sich noch ein gelbes schweres Straßenbaufahrzeug zu uns. Der Italiener unterhielt sich recht gut mit dem Albanischen Fahrer, der früher einmal in Rom lebte. Italienisch war die funktionierende Sprache hier, „benissiomo“! Wir erfuhren nebenbei, dass die Straße noch aus Mussolinis Zeiten stammt und gerade saniert wird. Auf Empfehlung nahmen wir den linken Weg Richtung Berat. Ein paar Kilometer weiter war es so richtig beschissen zu fahren, neben tiefen Spurrillen vom Bagger kamen Steine aus der Straße raus, etwas von einem verlegten Muster war aber noch zu erkennen. Nach dem wir noch einmal Stoppten um uns kurz mit den hier arbeitenden Leuten zu unterhalten, wurde mir eher abgeraten, weiter zu fahren. Ich drehe aber nur ungerne um, wenn ich einmal einen Weg eingeschlagen habe. Ein weiteres Wort, dass ich nun gelernt habe: „Piano, Piano!“ Für mich ging es vorsichtig weiter, mit maximal zweiten Gang handelte ich mich Trial-mäßig um die nächste Kurve und Kurven gab es viele. Ich kürze die Erzählung aber nun etwas ab, da es schon ein langer Tag war. Es ging die nächsten 40 Kilometer so weiter.

SH74 von Ballaban nach Berat, Albanien.
SH74 von Ballaban nach Berat, Albanien.

Die Straße führte über einen riesigen Bergrücken hinüber in den Nachbarbezirk. Daneben lag gleich der Berg Tomorr. Einer der höchsten in ganz Albanien. Zu Beginn der Schotterpiste befand ich mich noch quasi auf der Südlichen Seite des Berges, am Ende der Etappe kurz vor den nördlichen Ausläufern. Es war wunderschön zu beobachten, wie der Berg an einem vorbei wanderte. Alle paar Kilometer stoppte ich und genoss die Aussicht. Es war absolut still. Bis auf die Natur war nichts mehr zu hören. Die Italiener hatten sich nach vorne abgesetzt und alle zig Kilometer traf man sich wieder bei einem kurzen Stopp.

Berg Tomorr (im Hintergrund), Albanien.
Berg Tomorr (im Hintergrund), Albanien.

Nach dem wir endlich wieder auf Asphalt waren, hielten wir in dem kleinen Dorf um etwas zu trinken und kurz zu rasten. Kurz nach dem Ortsende war aber der Schotter wieder da und es stellte sich heraus, dass wir gerade einmal die halbe Strecke hatten. Langsam war es auch schon anstrengend. Regelmäßige Adrenalinschübe brachten mich aber immer wieder zurück zu den Tatsachen und ließen mich konzentriert weiterfahren. Der Körper ist da schon auch eine trickreiche Maschine. Langsam dämmerte es, in der Entfernung war ein Tal zu sehen und etwas wie eine Straße. Immer noch weit weg aber da gab es etwas. Ab und zu lag noch ein kleines Dorf am Weg, aber das war es auch schon. Kurz vor Berat begegnete ich noch zwei Schafhirten und einem Mercedes-Bus. Sie deuteten mir, dass ich am richtigen Weg war. Von den Italienern war wieder einmal nichts mehr zu sehen. Schließlich war die Sonne schon hinter dem Berg weg und die Straße entschied sich endlich Richtung Tal bergab zu führen. Einige Kilometer später saßen meine kurzen Wegbegleiter auf einer Mauer und rauchten. Die Glocken läuteten und es war ein wunderschöner Ausblick auf Berat, der Stadt mit den 1000 Fenstern. Wir gratulierten uns gegenseitig sehr herzlich zu der ordentlichen Leistung und auch mein Roller bekam ordentlichen Respekt von den beiden. Ich blickte einmal auf den Unterboden und war angenehm überrascht. Bis auf einen leichten Kratzer am tiefsten Punkt es Auspufftopfs war gar nichts zu sehen, außer Staub. Ich fühlte mich richtig erschöpft und saugut dabei. Die beiden wollten aber noch weiterfahren, da ihr Quartier einige Kilometer entfernt lag. Ich entschied mich für das nächste Hotel und das war gut so. Es war ein verhältnismäßig teures Hotel aber genau der Luxus, den man sich doch ab und zu einmal gönnen sollte. Nach einer genüsslichen Dusche schlüpfte ich in frische Kleidung und spazierte durch die Stadt der Promenade entlang. Bei ein oder zwei Birra Tirana beobachtete ich das Treiben. Überwiegend junge Menschen flanierten herum. Immer Männer mit Männern und Frauen mit Frauen. Mir war keine gemischte Gruppe aufgefallen. Das nette Mädchen im Hotel bestätigte mir meine Beobachtung und meinte, das sind wahrscheinlich die Überbleibsel des Kommunismus. Ich nahm im Innenhof Platz und aß zu Abend. Faschierte Leibchen mit einer Zwiebelcasserole und gegrilltem Gemüse. Die Grappa danach gingen jeweils auf mich und einer auf den Betreiber des Hotels. Er Prostete mir von seinem Tisch zu, es war alles hervorragend. Für diesen Tag hatte ich genug und ging zu Bett. Ein unvergesslicher Tag ging zu Ende.

Am kommenden Morgen genoss ich mein Interkontinentales Frühstück, das Obst war aber hervorragend. Bis Mittag wollte ich aufbrechen und musste auch noch auf meine Wäsche warten. Ja so ein Waschservice ist ab und zu von aller erster Güte. Was sollen die Menschen denn von einem stinkenden, verstaubten Reisenden halten? Mit dieser Vorstellung setzte ich mich auf den Roller und machte mich auf die Suche nach einem Waschplatz, Internet und einem Liter Getriebeöl. Ich fragte mich so durch die Gegend und wurde erst mal in einen Hinterhof geführt. Der Junge Mann wollte einfach nur helfen, aber der Motorradteile-Händler gleich neben ihn hatte kein Öl lagernd. Gut, mir wurde dann aber ein Mechaniker gezeigt, gleich neben einem Waschplatz, bei dem könnte ich das Getriebeöl vom Roller wechseln. So lange der Mechaniker noch auf Mittagspause war, hatte ich Spaß an der Waschanlage. Die Jungs hatten eine Art Hochdruckreiniger in Form einer Gasflasche. Das pfeffert ordentlich raus und der Dreck leert fliegen. Jeden Roller würde ich so aber nicht reinigen lassen. Selbst sollte man auch immer anwesend sein, Batterie abklemmen und Vergaser großzügig in Plastikfolie wickeln, um sich nicht einen Motorschaden durch Wasser zuzuführen. Dass der Wäscher die Seitenhauben auf den Boden legt und einmal von beiden Seiten abdampft ist Ehrensache. Wenn sich der Deckel auf der Aussenseite dann wie ein Kreisel am Beton dreht, bedarf es einer gewissen Schmerzbefreitheit. Hiermit auch ein Gruß an alle Lackierer und Polierer!

Nach dem ich einen lächerlichen Betrag gezahlt hatte und beim Mechaniker war, ging es an den Ölwechsel. Primär war mir die Infrastruktur wichtig und das einfache entsorgen des Altöl. Ob der werte Herr das dann verfeuert oder wieder in ein Auto gefüllt hat, weiß ich nicht. Leider war das alte Öl leicht metallisch. Das hat sich später mein Motorservice im Winter als grobe Abnützung am Getriebe herausgestellt. Ersatz was wieder gefunden und ein komplettes Getriebe auf Lager gelegt, da schläft es sich einfach besser.

Nun hatte ich meinem Roller nach der harten Tour vom Vortag meine Schuldigkeit getan und ihn wieder gut versorgt. In der Zwischenzeit war meine Kleidung bereitgelegt und ich Packte meine Satteltaschen, die der junge Hotelangestellte für mich verpackt hat. Es sprich mich darauf an, dass es nach Benzin riecht. Darauf klärte ich ihn über den 1L Reservekanister und das Mischöl auf, auch darüber, dass ich eigentlich vorsichtig mit Hotelpersonal bin und deshalb gerne meine Tasche selber trage. Es könnte ja sein, dass jemand den Braten riecht und meint, das geht nicht. Über Brandschutzbestimmungen und sonstiges brauche ich hier jetzt nicht ausführlich berichten. Der junge Mann grinste mir ins Gesicht und meinte: „Du bist hier in Albanien, wir lieben Benzin!“ Darauf führten wir noch ein nettes Gespräch unter Benzinbrüdern. Er schraubt an seinem Mercedes herum und verdeutlichte mir, dass das Lenkrad zwischen seinen Händen und der klang des Motors seine große Freiheit ist. Mit dem strahlen in seinen Augen verstand ich die Leute hier um ein großes Eck besser. Oft haben sie nur ein kleines Haus, spärlich ausgestattet, aber einen neuen, gebrauchten, importierten Mercedes vor der Tür.

Er sah mir noch beim packen und starten zu und ich verabschiedete mich mit einer freundlichen Hupeinlage. Für mich war hier der Höhepunkt meiner Reiser erlebt, ich entschied mich nun heim zu fahren und auf keine Schotterwege mehr einzubiegen. Auf dem Weg Richtung Norden hatte ich ein wenig überlegt wie ich meine Heimreise anlegen sollte. Die Küstenstrasse wollte ich nicht mehr zurückfahren und das Landesinnere von Montenegro wollte ich schon lange sehen. Da blieb für mich nur eine Sache übrig und etwas weiter auszuholen, um die Kurve über den Kosovo zu nehmen. Wie genau plante ich dann am kommenden Abend am Campingplatz.

Die Fahrt war zum Glück sehr unspektakuler und einen Teil des Wegs kannte ich schon von vor ein paar Tagen. Nach dem ich in eigentlich keine bessere Idee hatte fuhr ich an Durrës vorbei und nicht über Tirana, diese Stadt spare ich mir und komme dort hin sicher einmal ohne meinem Roller. Der Campingplatz nahe Shkodra hat mir schon am erzen Abend in Albanien sehr gefallen und so wollte ich dort auch wieder hin, ganz ohne Abendteuer. Wenn mir die sogenannte Autobahn zu langweilig wurde, fuhr ich immer wieder einmal ab und fuhr für einige Zeit die parallel liegende Straße durch die kleinen Ortschaften. Hier sah man erfahrungsgemäß auch mehr vom Land und den Menschen und fand leicht einmal einen Imbiss zum Rasten und gutes Essen.

Alte geschlossene Fabrik, Albanien.
Alte geschlossene Fabrik, Albanien.

Am späten Nachmittag war ich am Campingplatz angekommen ohne große Umwege oder Strapazen. Leider war aber die Stimmung hier gar nicht sehr gut. Ein Familienmitglied der Betreiber war gerade erst verstorben und die Leute sahen aus wie nach sieben Tagen Regenwetter. Mein Beileid auf diesem Weg. Nach dem mein Zelt stand sprang ich gleich in meine Badehose und schwamm etliche längen im Pool. Das tat überaus gut und war eine Erleichterung für den Körper. Lustig waren nicht nur das deutsche Ehepaar, dessen männlicher Teil besoffen irgend welchen holländisch-deutschen Singsang daher brabbelte und seine Frau zwischendurch wüst beschimpfte, sondern auch die Schwalben. Sie fischten immer wieder Insekten aus dem Pool, so richtige Sturzflugmanöver und das in sehr kurzen abständen und ziemlich geschickt. Der besoffene Typ war stunden später auf seinem Platz am Campingsessel eingeschlafen, seine Frau daneben starrte durch die Gegend. Sie hatte ihm heute schon genug eingeschenkt, nicht nur verbal.

Nun war es für mich Zeit ein oder zwei kühle Birra Tirana zu schlürfen, denn die Kraft kommt ja nicht von nichts zurück. Dabei kam ich mit einem britischen Motorradfahrer zum Reden, der auch schon im Kosovo war. Er erborgte mich mit nützlichen Tipps für meine nächste Tagesreise. Viel gab es aber nicht zu sagen, der Kosovo ist nicht besonders groß und ich wollte nur einen kleinen Teil bis zur montenegrinischen Grenze fahren. Auf der Landkarte sah ich aber noch eine zweite Möglichkeit um nicht die Autobahn nehmen zu müssen, diese schlug ich mir aber gleich wieder aus dem Kopf, Schotterstraße garantiert. Bei meinem letzte Bier ließ ich noch die Gedanken schweifen und genoss die Ruhe am Campingplatz. Herrlich war es hier.

Mit den gackernden Hühnern stand ich am nächsten Morgen auf. Gut gelaunt und beschleunigt durch meinen starken Espresso packte ich mein Zelt zusammen und ließ den Campingplatz hinter mir. Mein Ziel war Prizren, eine alte Stadt kurz nach der albanisch-kosovarischen Grenze. Nach dem ich ja auch ein Sturschädel bin, hab ich in einem kleinen Landen noch mal nach der Möglichkeit gefragt, über die kleinen Straßen dort hin zu kommen. Die allgemeine Meinung war, nicht mit diesem Roller. Dies mal wollte ich es dann doch nicht genau wissen und steuerte auf die Autobahn zu. Es war die schönste Autobahn die ich bis her gefahren bin. Sehr gut ausgebaut führt sie mit langgezogenen Kurven in die Berge, wunderschöne Landschaft herum und ich glaube auch die 100km drei Autos, die mich überholt hatten. Vor lauter genießen hatte ich dann doch blöderweise meine Tankfüllung etwas falsch eingeschätzt und es kam wie man es nicht haben will. Da die Autobahn durch ein sehr entlegenes Gebiet von Albanien führt, waren die Abfahrten auch sehr spärlich geseht. Also war das ein Fall für meine eiserne Reserve. Etwas zögerlich dosierte ich die Mischung und dachte erst einmal an einen halben Liter. Also ging es erst einmal weiter, wissentlich aber nicht mehr als 10-15km mit diesem Rest. Die Steigung kroch ich mit minimal Gas hinauf und das kommende Gefälle nutzte ich um den Roller laufen zu lassen, ohne Motor. Schließlich ist es ja auch ein Roller. Natürlich war auch der halbe Liter nicht genug und der Rest musste auch noch in den Tank. Das reichte natürlich aus, und die kommende Tankstelle war dann auch gleich wenige Kurven später da. Dort wurde Tank und Reservekanister aufgefüllt und mit karacho hielt ich auf die Grenze zu. Meine letzten albanischen Lek investierte ich noch einmal in Benzin und Trinkwasser. Der Tankwart und sein anderer Kunde blickten etwas verdutz auf mich, aber das war ich schon so gewöhnt. Als kleine Show-Einlage fing ich einen Schmetterling aus dem Gummi-Kantenschutz vom Beinschild. Er war eines der zahlreichen Opfer des Fahrtwindes, überraschenderweise flog er aber ganz fidel davon. Ich hab mich gefreut, die beiden Herrn haben noch unglaublicher daher geblickt. Wenig später war ich an der Grenze und die kosovarischen Beamten waren sehr freundlich zu mir. Mir wurde erklärt, dass ich eine temporäre Versicherung abschließen muss, die für einige Tage gilt und die bekomme ich dort hinter den LKW´s in dem Container. Ich bat ihn meinen Roller und das Gepäck im Auge zu behalten und spazierte zum Versicherungsbüro-Container. Ein noch freundlicherer junger Angestellter nahm meine Daten und die des Rollers auf. Ich bekam dafür eine wunderschöne Versicherungsbestätigung. Nicht nur, dass das Papier wie ein Geldschein wirkte, mit seinen schnörkeln und Verzierungen, es waren auch mit schönen Firmenlogos und einem Sicherheitshologramm versehen. Darauf mein Name, und natürlich die Marke des Fahrzeugs, Lambretta Jet 200. Eine schöne Erinnerung die ich mir gut aufgehoben habe. Der freundliche junge Mann wünschte mir gute Fahrt und einen schönen Aufenthalt in seinem Land. Er gab mir ein wirklich gutes Gefühl mit auf den Weg. Zurück zum Roller flankierten mich flink zwei junge Burschen die natürlich mein Kleingeld haben wollten. In meiner Lederjacke und mit der Sonnenbrille wirkte ich natürlich total unbeeindruckt, gab mich aber nicht uninteressiert. Nach dem ich anhielt und mit dem Zeigefinger wie ein Lehrer deutete, öffnete ich den in Bosnien wieder funktionierend gemachten Zip meiner Jacke und griff in die Innentasche. Die beiden Lausbuben waren kurz vorm Zerplatzen vor lauter Spannung und Neugierde. Einer von ihnen hat den Singah-Drachen-Aufkleber bekommen, der zweite den mit dem Raketenmann mit geballten Fäusten und Japanischen Schriftzeichen. Es war einfach optimal so! Bei der Gelegenheit fällt mir ein, ich sollte wieder mal nach Bangkok, meine Aufkleber werden bald aufgebraucht und verschenkt sein.

Im Kosovo war der Verkehr gleich wieder dichter und es ging langsamer voran. Straßen wurden erneuert aber es dauerte nicht lange und ich war vor Prizren. Die Stadt selber strahlte eine friedliche Ruhe aus. Entlang vom Bach war die Altstadt mit menschengefüllten Cafés. Bei genauerem hinsehen sah man aber auch wirklich traurig wirkende Menschen. Mein Mittagessen nahm ich einer Pizzeria ein, sie war knapp nicht mehr im Zentrum. Neben mir war eine Österreicherin mit drei Männern in Anzug gekleidet bei einem Geschäftsessen, sonst war das Lokal aber auch von jungen Menschen besucht die einfach Essen gingen. Die Salami-Pizza und der Salat waren hervorragend, eigentlich bekommt man überall bessere Pizzen als in Österreich, es bestätigt sich einfach immer wieder. Zum Schluss hatte ich noch einen doppelten Espresso bestellt und als der kam wollte ich auch zahlen. Der Kellner fragte mich dann wo ich eigentlich her kommen würde. Ich erzählte ihn kurz von meiner Balkanrundfahrt und das ich eigentlich aus Österreich sei. Darauf hin war ich auf den Kaffee eingeladen und ich sah das als Zeichen seines Respekts. Als ich weiter fuhr und neben der Straße österreichische KFOR-Soldaten im Geländewagen sah, hinterfragte ich das alles kurz. Vielleicht sind Österreicher einfach beliebter im Kosovo, weil sie sich nicht so aufführten wie andere hier Stationierte Nationen? Das war nur eine Gedankenblitz, aber ich werde diese Geschichte einmal auspacken, wenn ich mit jemanden aus diesem Land an einem Tisch sitze.

Der Verkehr im Kosovo war wahnsinnig gefährlich und neben den Straßen waren noch oft spuren des Kriegs sichtbar. Grundmauern des alten Hotel Kosovo prägten sich besonders bei mir ein. Nun ist es aber so, dass ich bei dieser Verkehrslage nicht einfach unnötig rechts ran fahre um ein Foto zu machen. Besser du schwimmst immer schön im Verkehr mit und hast deine Augen und Ohren überall. Bei einem Tankstopp an einer örtlichen Tankstelle hörte ich plötzlich bremsen quietschen, einen dumpfen Schlag und darauf hin ein Kind fürchterlich schreien. Das passierte genau gegenüber vom Polizeiposten und die beiden Beamtin die gerade aus der Ausfahrt fahren wollten kamen eigentlich wie gerufen. Ein Taxifahrer konnte nicht rechtzeitig bremsen und hat den Buben übernommen. Die Polizisten halfen dem humpelnden Kind in ihr Auto und fuhren ins Krankenhaus. Der Taxifahrer wurde eben aus dem verkehr gezogen. Der Tankwart sprach etwas Deutsch und wir schüttelten beiden den Kopf.
Der Alltag hier ist hart. Aufgelockert wurde der Verkehr durch patrole fahrende Militärwägen, die Präsents der UN war einfach unübersehbar. Da und dort waren Hochzeiten im Gange, wahrscheinlich war wieder einmal Sonntag. Entlang der Straße sah ich Graffitis aus dem Augenwinkel die der UÇK galten, auch waren Denkmäler einzelner Militärherrn keine Seltenheit. Insgesamt eine sehr merkwürdige Stimmung, die hier herrschte.

Landschaftlich war es hier auch nicht besonders aufregend, ich verglich die Gegend hier mit einer Pfanne. Als ich so weit war, die Hauptstraße zu verlassen ging die Straße in Serpentinen den Berg hoch in Richtung Grenzübergang. Von hier aus blickte ich zurück in die Pfanne namens Kosovo, ich wünsche den Leuten dort unten wirklich das Beste für ihre Zukunft, die haben schon genug Leid für viele Leben abbekommen.

Blick vom Žljeb-Pass, Kosovo.
Blick vom Žljeb-Pass, Kosovo.

Blick vom Žljeb-Pass, Montenegro.
Blick vom Žljeb-Pass, Montenegro.

Es war wieder einmal phänomenal. Über den Pass gekommen und eine neue Welt tut sich vor dir auf. Montenegro ist saftig Grün und dicht bewaldet. Es erinnerte mich ein bisschen an Tirol, nur dass ab und zu eine Minarett zu sehen war. Die kleinen Dörfer waren ruhig aber belebt. Die Luft war frisch und feucht und tat mir sehr gut. Ich folgte einfach meiner Nase und war nach kurzer Zeit in einem kleinen Dorf angekommen, links ein Schild von einem Campingplatz. Das war es für mich. Ich bog ein, fuhr die Häuser entlang und sah ein Grundstück mit Garten und einem netten schlichten Haus. Ein Traum! Das war eigentlich kein Campingplatz in dem Sinn, das alte Ehepaar lässt einfach Menschen hier im Garten zelten und bewirtet diese. Es gibt auch eine kleinen Kammer im oberen Stock über eine aussenliegende Holztreppe zu erreichen. Das war das Appartement. Unter der Treppe war ein Brunnentrog aus einem Baumstamm geschlagen und der wurde mit Frischwasser versorgt. Darin schwimmen zwei dicke Forellen. Hin und weg von der Schlichtheit saß ich mit der Chefin und wir rauchten beide eine Zigarette. Nach dem ich ihr meinen Reisepass geben wollte lachte sie und meinte, das wäre hier nicht üblich. Hier wurde es mir immer sympathischer. Ab und zu kamen Nachbarn auf ein Bier vorbei und ich schloss mich an. Das serbische Jelen ist wohl eines der besten Flaschenbiere die ich seit dem Tag kenne. Zum Glück habe ich in Wien einen Balkan-Grill am Mexikoplatz gefunden, der dieses Bier ebenfalls anbietet. Dort ist es jedes mal eine Reise zurück nach Montenegro.

Mit meinem tschechisch-deutsch-englischem Kauderwelsch verstand ich mich ganz gut mit der Dame des Hauses und nach und nach kamen auch andere Camper. Zum Beispiel ein junges deutsches Pärchen, denen das Ganze hier aber etwas suspekt war. Sie fuhren weiter obwohl es schon langsam Abend wurde und der nächste Campingplatz so um die eineinhalb Stunden weg war. 20 Minuten später waren sie wieder da und wir blickten uns an und fingen zu lachen an. Mittlerweile war auch der Ehemann mit seinem Hund heimgekommen. Er sprach einige Worte deutsch und fraget ob ich Hunger hätte. Na sicher, wenn es ums Essen geht bin ich immer vorne mit dabei. Als er aus der Küche kam hatte er einen weißen Fußball in der Hand der etwas eierförmig ausgefallen war. Er drückte ihn mir in die Hand und ich grinste über beide Ohren. Eine Stunde Später gab es gebratenes Kalbsherz mit Bofist und Zwiebel angebraten. Die Einladung ging aufs Haus und das machte mich alles sehr zu frieden. In der Zwischenzeit war noch ein junger russischer Tramper und ein österreich-tschechisches Paar auf den Motorrädern eingetrudelt. So füllte sich der Garten allmählich und es war ganz nett mit anderen Reisenden zu tratschen und Erfahrungen auszutauschen. Am Feuer sitzend wurde ich bald müde und verabschiedete mich. Es fing kurz darauf zu Regnen an und ich schlief mit dem beruhigenden tröpfeln in meinem Dackelzelt ein. Als ich am nächsten Morgen aufstand lag der Hund wachend vor meinem Zelt. Er war mir von Anfang an sympathisch und offensichtlich beruhte das auch auf Gegenseitigkeit. Beim Frühstückskaffe erzählte ich das dem Hausherrn und er sah mich respektvoll an. Darauf sagte er noch was von wegen Hunden die schon die richtigen Menschen finden. Ich dachte nur: „The dog is the mens best friend“.

Heute wollte ich ein ordentliches Stück voran kommen und Meter machen. Obwohl mir nahegelegt wurde, Montenegro auf und ab zu fahren, war es für mich wirklich schon Zeit. Der Weg mitten durchs Land führte aber ohne dies durch das ein oder andere Naturschutzgebiet. An so vielen Seiten erinnerte mich die Landschaft an mein Heimatland und das war auch schon ein nettes Gefühl, nach den ganzen Kilometern durch Griechenland und Albanien. Enge Täler mit Schluchten und Wildwasser, Hochebenen mit Weiden und zwischendurch kleine Dörfer. Dazwischen immer wieder Kohlekraftwerke und Tagebau. In Pljevlja verfranzte ich mich ein wenig und fand nicht ganz die Ausfahrt Richtung Grenze zu Bosnien. Deshalb fuhr ich zwei Schleifen durch die kleine Stadt. Heute war wohl Kohlentag. Vor auffallend vielen Häusern lagen Meterhohe Kohlenhaufen die schon vereinzelt von den Menschen in ihre Keller geräumt wurden. Umwelttechnisch sicher fraglich aber was bleibt den Leuten dann anderes übrig. Es dürfte hier genug Kohlevorkommen geben und jeder von uns hat es eben gerne Warm. Ausserdem ist Umweltschutz zum Teil leider immer noch Luxus und mit einem gewissen Vermögen verbunden.

Kohlekraftwerk vor Pljevlja, Montenegro.
Kohlekraftwerk vor Pljevlja, Montenegro.

Kohlekraftwerk vor Pljevlja, Montenegro.

Nach der zweiten Runde hielt ich an einer Tankstelle und fragte mit Hilfe meiner Landkarte nach dem Weg. Der Tankwart deutete mir eine andere Richtung und meinte, es wäre keine gute Idee dort lang zu fahren wo ich hin wollte. Er sprang ins Auto und deutete mir ich soll ihm folgen. Mein Vertrauen hatte er und nach einigem hin und her durch die Stadt fuhr er rechts ran und deutete mir die richtige Richtung. Kurz nach der Ortstafel stoppte ich und schlüpfte in meinen Regenschutz. Den ganzen Tag lang brauten sich schon dichte Wolken zusammen und jetzt kam der Wind und Regen auf. In dem Moment als ich wieder auf die Straße biegen wollte zog ein Holztransporter an mir vorbei. Die Straße zur Grenze war wie üblich eine alte Asphaltstraße mit Schlaglöchern und dann noch der LKW vor mir. Das bremste mich ein bisschen auch und ich wurde vom Spritzwasser mehr eingenässt als vom eigentlichen Regen, der bald wieder vorbei war. Durch ein eindrucksvolles Wechselspiel von Sonne und Schatten präsentierte sich der Himmel von seiner schönsten Seite. So sollte es noch die nächsten Tage weiter sein. Eigentlich gibt es ja kaum was langweiligeres als wolkenlosen Himmel.

Knapp ausserhalb von Pljevlja, Montenegro.
Knapp ausserhalb von Pljevlja, Montenegro.

Nach dem sich der Holzlaster irgend wo anders hin abgeseilt hatte war meine Strecke wieder frei und ich stand kurz darauf an einem kleinen Grenzposten. Kurz vorher waren noch ordentlich Waldarbeiten im Gange. Ein wunderbarer Wald, der zwischen Montenegro und Bosnien liegt.
An der Grenze angekommen war ich offensichtlich die willkommene Abwechslung für die beiden Grenzbeamten. Sie gingen eine Runde um den Roller und inspizierten mich. Es fing auch gerade wieder zu regnen an. Na super, jetzt hänge ich mit den beiden an der Grenze ab und muss warten bis es wieder besser wird oder wie? Einer der beiden machte sich mit meinen Papieren auf den Weg in sein Büro. Ich trank mein Wasser auf und der zweite Beamte deutete mir rüber zu einer Quelle, an der ich Wasser auffüllen konnte. Er hatte recht, es war wirklich ausgezeichnetes frisches und kühles Quellwasser! In der Zwischenzeit war ich nur mehr alleine vor dem Grenzhäuschen und die beiden ließen mich warten. Warum auch Eile, passiert ja so wie so nichts hier heroben.

Grenzposten zu Bosnien, Montenegro.
Grenzposten zu Bosnien, Montenegro.

Nach einer Weile bemühten sich die beiden Herrn wieder zu mir und ich bekam meinen Reisepass wieder. Der eine löcherte mich noch mit Fragen über meine Lambretta und ich bemühte mich ihn zu verstehen. Er habe auch so etwas in der Richtung aber da gibt es Probleme mit der Zündung und das mit den Ersatzteilen ist ja so eine Sache. Sein Kollege bestärkte ih nur und ich wollte dann nichts mehr verstehen. Hatte er die Idee, mir meine Ersatzteile aus den Rippen zu leiern? Von der bosnischen Seite her tauchten zwei Motorradfahrer mit angeranzten Maschinen auf. Zwei feste Brocken stiegen ab und nahmen den Helm vom Kopf. Es waren zwei Deutsche. Für mich wurde die Sache immer skurriler, stieg auf meinen Roller auf und drehte am Gas, weg von hier aber schnell. Der Regen war mittlerweile wieder vorbei und die Straße führte vom Pass runter ins Tal. Nach einigen Kilometern war es trocken und ich kam an den zweiten Grenzposten der Bosnier. Es roch nach Holzfeuer, ich stand vor einem rot-weiß gestreiften Schranken und ein Stück unterhalb auf einer Wiese saßen zwei Beamte in Uniform und einer stand am Griller. Einer der beiden schob seine Bierflasche gemächlich zur Seite und kam auf mich zu. Freundlich grüßte ich ihn und gab ihm meinen Papiere. Wesentlich schneller als seine beiden montenegrinischen Kollegen kam er wieder zu mir. In der Zwischenzeit sah ich den beiden anderen beim Grillen zu und war fast neidisch, die machen es sich so richtig gemütlich hier. „Es gibt jetzt ein Problem!“, meinte der Herr, der mich bearbeitete. Wahrscheinlich war er einfach sauer weil er arbeiten musste. „Sie haben keine grüne Versicherungskarte,… “ Ah ja, das habe ich schon länger nicht mehr gehört. Ich unterbrach ihn und sang wieder einmal das Lied von der Geschichte über die verlorene Karte und ich nun eine Kopie mit dem Stempel…, ihr kennt die Geschichte ja. Der Herr war etwas ungehalten und ich erinnerte mich an ein höfliches Benehmen und dass man Menschen ja eigentlich zu Ende reden lassen sollte. Lange Rede kurzer Sinn: „Ihr Motorrad ist so klein, das ist ja eigentlich gar keines und fahren sie bitte einfach vorsichtig!“ Er grinste, ich wünschte ihm noch einen guten Appetit und deutete auf seine Kollegen und bekam noch einen schiefen Blick mit auf den Weg. Es geht doch, auch ohne grüner Karte.

Es ging kurvig das Tal hinunter bis ich in die erste Ortschaft kam. Es war förmlich eine Holzfäller-Hochburg. Im weißen Transporter mit Planenaufbau, der gerade von zwei Polizisten kontrolliert wurde, saßen hinten Waldarbeiter und keine verdächtigen Personen. Im Ort kreuzten Männer mit Kettensägen die Straße und vor den Kneipen saßen welche in schmieriger Kleidung die mir die üblichen Spuren von Waldarbeit zeigten. Nach einer Ehrenrunde fuhr ich weiter das Tal hinab. Hier waren die Spuren des damaligen Kriegs nicht aufgearbeitet worden. Sämtliche Häuser zeigten Einschusslöcher und an ganz pikanten Stellen waren Felder mit kleinen weißen Säulen, die Gräber der Kriegsopfer. Besonders schlimm waren die Stellen, an denen diese zu sehen waren. In einer kleinen Senke zwischen Bundesstraße und Bach legte niemand ein Grab an, der nicht etwas verbergen wollte. Meine sonst so triebhafte Neugier war wie gebremst. Nicht einmal den sympathischen jungen Tankwart wollte ich näher kommen, um etwa eine Geschichte zu hören. So sagte ich mir, das muss ich auf einen guten Moment verschieben, der wahrscheinlich irgend wann zwischen Mitternacht und Früh an einer Bar statt findet. So sollte es auch später noch kommen.

Auf meiner Landkarte machte ich mir eine ungefähre Strecke aus und entschloss mich dafür, noch einmal nach Mostar zu fahren. Mein erster Abstecher in diese wunderschöne Stadt war einfach zu kurz. So trieb es mich erst Richtung Süden an Foča vorbei wo ich für einen kleinen Kaffee hielt. Der erst sehr unfreundliche Kellner erwies sich aber beim Zahlen als sehr netter Mensch und ich denke einfach hier ist man jedem Fremden gegenüber erst mal sehr skeptisch. Ich kann es verstehen, so ähnlich geht es mir ja auch manchmal. Weiter ging meine Fahrt über super ausgebaute Bundesstraße den Fluss entlang und später nach einer Abzweigung über die Berge Richtung Westen. Es war eine kurvige, enge aber schnelle Piste. Leider hat da ein junger Mann mit seinem optisch sehr heraus gebürsteten Wagen die Lage etwas überschätz und sich mit Naturstein-Mauer vereint. Nach seinem Gesichtsausdruck nahm er die Sache aber mit einem gewissen Galgenhumor und der Abschleppwagen kam mir einige hundert Meter auch schon entgegen. Sollen sie doch zum Teufel fahren wie die Henker, so lange sie nur ihren Wagen flach legen aber keine Unbeteiligten mit rein ziehen.

Mit geschärften Sensoren machte ich gute Meter und genoss die fahrt wie schon lange nicht mehr. Schnelle sehr gut ausgebaute Bundesstraßen die sich die Berge hoch schlängelten, ab und zu wieder im Flachen gerade aus und abwechselnd Wald und Felsformationen. Ohne dass ich es wusste führte mich mein weg auch an einem mir von Bildern bekannten Kriegsdenkmal in Tjentište vorbei. Der Blick der sich mir auftat war wie in einem Traum. Schnell parkte ich meinen Roller und wollte den Eindruck fotografisch festhalten. Am Hang grasten Pferde ruhig vor sich hin und die Sonne brach genau zwischen den beiden Betonskulpturen durch die dichten grauen Wolkenberge hindurch. Ein wahres Gemälde, wäre da nicht diese Mutter mit ihren beiden Kindern gewesen, die knapp vor mir auf den Weg zum Denkmal hin auftauchten. Sie gingen flott, also eigentlich musste ich schnell laufen aber sie waren schon zu weit gegangen. Die beiden Gören liefen natürlich auf die süßen Pferde zu und die machten sich aus dem Staub. So ist das eben mit der Fotografie, ich glaube es gibt da unzählige Anekdoten über nicht geschossene Bilder oder fast geglückte Aufnahmen. Auf jeden Fall bleibt dieser Moment wieder ein Foto in meinem Kopf und reiht sich neben einem ganzen Haufen ähnlicher Momente ein. Also hab mich mich mit einer kleinen Portion Hass im Gepäck auf den Weg gemacht, die Skulptur von näherem zu besichtigen. Vielleicht war ja am Rückweg wieder alles so wie ich es in Erinnerung hatte. Nur kamen mit jeder Stufe die ich stieg mehr Menschen um das Denkmal zu besuchen, es war wie verhext und ich gab die Jagt nach dem einen besonderen Foto auf. Es heißt da nämlich auch gut aufzupassen, dass einem seinen eigen Verbissenheit nicht eine schöne Angelegenheit zerstört.

Kriegsdenkmal in Tjentište, Bosnien.
Kriegsdenkmal in Tjentište, Bosnien.

Kriegsdenkmal in Tjentište, Bosnien.

Aber wie das Leben so spielt wurde ich ab diesem Punkt mit einer wunderschönen Strecken und einem wahnsinnig bizarren Lichtspiel zwischen Regenwolken und Sonnenschein belohnt. Es war schon später Nachmittag und bis Mostar waren es noch gefühlte 100km. Während der Fahrt wusste ich nicht mehr wo ich hin sehen sollte. Ein Stausee hier, ein verlassenes, abgetanztes Hotel dort, weidende Kühe und Schafe, wenig Verkehr und natürlich in der Ferne wieder ein schönes Kohlekraftwerk. Als ich in die Ebene hinab fuhr, bohrte sich ein mächtiger Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Am Straßenrand vor der Ortseinfahrt von Gacko saßen zwei junge Männer in ihrem Auto und rauchten definitiv einen Joint, so wie das raus genebelt hat. Schafe tummelten sich hinter den Häusern und die ganzen Wiesen hier wahren kahl gefressen, wie ein perfekter Golfrasen. Oh wäre das lustig hier, mit ein paar Freunden und einem Universal—fünfer-Eisen eine Runde zu golfen. Kleine Bäche gruben sich durch das Erdreich und schlängeln sich in engen Radien durch das Tal. Vereinzeln spazieren Menschen der Straße entlang und treiben Schafe vor sich her. Das ganze Zusammenspiel war so intensiv für mich, dass ich unbedingt wieder hier in diese Gegend möchte, natürlich auf meinem Roller.

Klinje See in Dražljevo, Bosnien.
Klinje See in Dražljevo, Bosnien.

Gacko, Bosnien.
Gacko, Bosnien.

Gacko, Bosnien.

Der Benzinstand in meinem Tank, die rar gesehten Tankmöglichkeiten und die kommende Dämmerung holten mich als einzige Verbindung zu einer möglichen Realität wieder ein, sonst war alles so surreal hier. In der Ferne sah ich, dass Regen nieder ging aber den sollte ich nicht einholen. Dafür kam ich aber bald wieder in die Zivilisation zurück und hielt natürlich zum Tanken. Von hier weg waren es nur mehr 30km nach Mostar und die waren schnell hinter mich gebracht. Als ich in der Stadt an kam, war es schon dunkel geworden. Intuitiv hielt ich Ausschau nach einer Schalfmöglichkeit, welche sich auch recht problemlos fand. Ich hielt bei Apartment Vienne und fragte nach einem Zimmer. Hier war leider alles leer, aber er konnte mich natürlich an einen Freund empfehlen. 500 Meter weiter wartete der nette junge Herr schon an der Tankstelle auf mich und deutete mir den Weg, links-rechts-links und durch das Tor. Das Zimmer war klein und wunderbar ausgestattet, mit einer kleinen Terrasse und Aussicht auf alte Häuserruinen, die schon von Bäumen und Sträuchern eingenommen waren. Die Spuren der Bomben waren auch hier natürlich noch präsent. Meinen Roller konnte ich in der Garage des Hausherrn parken, was natürlich ein großer Pluspunkt war. Nach einer Dusche schlüpfte ich in frischen Zwirn und schlenderte los. Die Altstadt mit der berühmten Stari Most war keine zehn Minuten zu Fuß und ich bahnte mich meinen weg durch ein wahnsinnig touristisches Stadtbild mit vielen kleinen Souvenierläden und Restaurants. Der Steinboden war durch die vielen Fußgänger so dermaßen glatt geschliffen, dass man echt achten muss um nicht am Allerwertesten zu landen. Nach dem mir das zu viel war drehte ich um und fand einen Weg runter zum Fluss. Dort waren Steinblöcke zu Stufen angelegt wo sich junge Leute und ungemein viele Hunde trafen. Den restlichen Abend saß ich hier und genoss den wunderbaren Anblick der Brücke, die Lichtreflektionen im Wasser und das eine oder andere Bier. Eine gefühlte Ewigkeit später war ich in Gedanken überall gewesen und hatte sehr viele Erlebnisse dieser Reise Revue passieren lassen. Mit einer selten Ruhe und Zufriedenheit machte ich mich auf den Heimweg und nahm mir von der Tankstelle noch ein Bier mit, dass ich auf der Terrasse zelebrierte.

Nachdem so eine Nacht in einem Hotelzimmer, während man sein kleines Zelt gewohnt ist, etwas ungewöhnlich sein kann, ist die warme Dusche in der Früh aber eine wirklich feine Sache. Dar Gaskocher wurde am kleinen Fernsehtisch angeworfen und den Kaffee gab es auf der Terrasse. Zum Frühstücken fand ich die kleine Bäckerei nahe der Stari Most wieder, die auch in der Nacht offen hatte. Ein Schoko-Croissant und eine pikante Bäckerei nahm ich mir mit und fand mich gleich darauf im Schokoladenhimmel wieder. Das Croissant war einfach zum hineinlegen und das pikante Backwerk ebenso. Mit Sternen in den Augen saß ich auf den alten Trümmern der Brücke am Flussufer und lobte die Bäckerei in den Himmel. Das war ein Start in den Tag wie ich ihn mir öfters wünsche. Zurück in meiner Unterkunft packte ich meinen Roller auf und wurde vom Hausherrn und seinem Sohn verabschiedet. Der Kleine bekam noch meinen letzten Drachen-Aufkleber und das verursachte auch ein ähnliches Funkeln in seinen Augen wie die Schokobombe bei mir.

Zurück auf der Straße ging es für mich Richtung Heimat. Dabei war aber noch Bosnien zu durchqueren und für das letzt Augustwochenende hatte ich eine Verabredung in Triest. Dort würde das jährliche Vespa-Treffen des Triester Clubs statt finden. Das wäre doch nett um noch zwei Abende zu feiern. Da ich aber noch einen kleinen Zeitposter für unvorhersehbare Ereignisse hatte, welche beim Reisen mit dem Roller auch vorkommen können, entschied ich mich für eine Ehrenrunde durch Istrien. Bis her hatte ich nur viel gehört aber noch nichts davon gesehen und wenn ich schon mal da wäre, perfekt!
Die Strasse von Mostar weg war relativ umspektakulär und nach einer Stunde kam mir das alles bekannt vor. Ich fuhr, obwohl ich das eigentlich anders im Kopf hatte, die selbe Straße retour über die ich schon einmal gekommen war. Auf meiner zweiten Tagesetappe hatte ich mich ja einmal etwas verfranzt, was dazu führte, dass mir die gute Schneiderin den Zip meiner Lederjacke richtete. Bis auf wenige Kilometer war die heutige fahrt wirklich ur zweckmäßig und es gab nichts besonderes zu berichten. Da sonst nicht viel anstand, entschied ich mich einmal dafür, meinen Hinterreifen zu wechseln. Der war schon ziemlich glatt gefahren und so hielt ich bei einer KFZ-Werkstätte. Ein junger Mitarbeiter konnte recht gut englisch und es war kein Thema, ich konnte hier meine Arbeit verrichten. Manch einer fragt sich jetzt vielleicht, warum ich zum Reifenwechseln bei einer Werkstatt halte, denn das geht ja auch am Straßenrand. Dazu sage ich, warum soll man es sich kompliziert machen, wenn es auch einfach geht. Sollte beim Wechseln etwas unvorhergesehenes auftauchen habe ich die Infrastruktur gleich da. Reifendruck kann auch gleich geprüft werden und vor allem, Waschseife! Reifenwechseln ist immer eine dreckige Sache, wenn der Roller so viel bewegt wird. Ausserdem ist es ja immer nett, mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen. Besonders nett war auch der Tankwart einige Kilometer später, der nur mehr laut applaudierend um meinen Roller herum ging. Nach dem ich gezahlt hatte kam er noch mit einer Flasche Cockta aus seinem Tankstellenhäuschen und sagte, dass nicht nur der Roller Energie braucht. Ich las laut vor: „Cockta bez Koffein.“ Das kannte ich so gar nicht, das ist ja neu! Die halbe Flasche leerte ich mir die Kehle runter und der Rest ging in die Satteltasche. Freundlich bedankte ich mich und fuhr mit einem amtlichen Kavalierstart von der Tankstelle weg. Der war zu Ehren des netten Tankwarts.

Mein Weg führte mich ziemlich parallel zur kroatischen Grenze und ich befand mich in einer sehr weiten Ebene, die auf beiden Seiten von lang gestreckten Bergrücken begrenzt wurde. Die Wolkendecke war auf der Seite zu Kroatin hin sehr dunkel und die Wolken bauten sich bedrohlich auf. Die Gegend war hier sehr dünn besiedelt und die Straße war alt aber gut zu fahren. Nach einer scharfen Linkskurve führte sie durch die ganze Ebene schnurgerade bis zum Fuße des Bergrückens. Nach einer weiteren scharfen Rechtskurve ging es diesen entlang. Nach einer Weile waren die ersten Häuserruinen zu sehen, vereinzelt standen Grundmauern herum, oft mit Löchern in den Wänden. Über die nächsten Kilometer folgte eine Geisterstadt der anderen. Nicht nur wegen der schwarzen Wolken war die Stimmung hier betrübend. Hier war einst eine Gefechtslinie und das hat unübersehbare Spuren hinterlassen. Klar konnte ich viele beeindruckende Bilder hier machen, aber ich hatte eigentlich überbaut keine Lust darauf. Alle paar Gelegenheiten hielt ich am Straßenrand und nahm den Helm ab. Die Eindrücke ließ ich wirken und bis auf ein Bild war es das für mich. So weit ich mich zurück erinnere, sah ich auch nur ein Auto die Straße passieren, sonst war hier niemand.

Geisterdorf bei Resanovci, Bosnien.
Geisterdorf bei Resanovci, Bosnien.

Die Ebene zog sich immer enger zusammen und Felsen rissen sich sporadisch aus den Wiesenflächen. An einer größeren Straßenabzweigung sah ich so was wie ein heruntergekommenes Restaurant und zwei Menschen davor, da hole mich also endlich die Zivilisation wieder ein. Kurz darauf kam ich nach Drvar und hier noch ich in Richtung Ortskern, auf der Suche nach etwas zu Essen und einem Kaffee. Als ich an einem Grill-Imbiss hielt und diese betrat war ich etwas verdutzt. Der Raum war leerend an den Wänden standen eine Hand voll Glücksspielautomaten. Lediglich die Aufkleber des Grills waren noch auf den Auslagescheiben. Entlang der einzigen geraden Hauptstraße saßen überwiegend junge Menschen vor den wenigen Kneipen. Sie rauchten und tranken. Am Ende der Straße befand sich eine Wohnsiedlung und ein Klinik. Aus beiden wuchsen Bäume und Sträucher heraus, denn die Natur hatte sich die halbe Stadt wieder zurückgeholt. Es war erneut ein bizarrer Anblick, der sich hier bot. Diese Stadt hat eine bewegte Geschichte, das ist nicht zu übersehen. Zurück an der Hauptstraße hielt ich bei einem anderen Grill und genoss mein Ćevapi-Sandwich mit Pommes. Das haut rein, gibt Kraft und liegt auch schwer im Magen. Am Tisch nebenan saß ein deutsches Ehepaar, die Lenker des einen Waagen, der mir zwischen den Geisterdörfer begegnete. Sie aßen ihre Pljeskavica und wir unterhielten uns über die bleibenden Eindrücke, die hier an jeder Ecke präsent waren. Über die Gesellschaft freute ich mich sehr, denn gemeinsam Essen ist einfach gesünder, auch wenn es Balkan-Grillfleisch ist.

Drvar, Bosnien.
Drvar, Bosnien.

Mit neuem Ballast im Magen für entsprechend gute Kurvenlage ging es für mich weiter Richtung kroatischer Grenze. Um so näher ich Richtung Bihać kam, um so lebendiger wurde das Land wieder. Ab und zu hatte ich auch das Gefühl, in Österreich zu sein, denn einzelne ältere Häuser waren zum verwechseln ähnlich gebaut worden. Ausserhalb der Stadt hielt ich noch schnell am Straßenrand um in einem sehr kleinen Geschäft meine letzten Münzen in Eislutscher zu investieren. Die lutschen sich einfach besser als Hartgeld. Es war ein lustiges Zusammenspiel zwischen der Alten Dame im Blümchenkleid und ihrem, ich vermute einmal, Enkelkind. Beide waren gemütliche Gestalten, nur war der junge Mann das Bindeglied zwischen Kunden und der vermeintlichen Geschäftsführerin. So lief jeder Konversationen und Handlung über den Mittelsmann ab. Einmalig dieses Gefüge. Nach dem Eisgenuss ging es im Galopp weiter und kurz darauf war ich schon am Grenzposten. Bisher war ich immer schnell durchgewunken worden, aber hier war einiges an Betrieb. Ab und zu schlich ich mich mit dem Roller an einem Wagen vorbei aber viel war hier nicht zu holen. Als ich dran kam, war der junge Beamte nur kurz von meinem Roller angetan, das Vehikel an der Nebenstelle hatte die volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es war ein roter Golf 2, dessen Heckklappe ausgebaut war. Denn statt dieser befand sich ein Wohnwagen-ähnlicher Einschub, der den VW zu einem vollständigen Camper transformierte. Es war wein zeitgemäßer Umbau aus den 80ern und das junge französische Paar am Steuer hatte sichtlich ihnen Spaß mit ihrem Auftritt. Das ganze Gefüge war ein dermaßen unglaublich witziges Vehikel, damit ist man einfach an jedem Grenzübergang die Nummer Eins. Ohne grüne Karte und ohne Probleme würde ich von dem kroatischen Beamten durchgesunken und von dieser Begegnung der dritten Art, ging es heiter weiter.

Es wurde schon langsam Ende für diesen Fahrtag und das passte auch sehr gut zusammen. Gleich nach der Grenze begann der Plitvička Jezera Nationalpark. Eine aufeinanderfolge von terrassenartigen Seen bilden hier ein Naturschauspiel, dass unzählige Wanderer aus ganz Europa und darüber hinaus anzog. Entlang der Bundesstraße zählte ich mehrere große Eingänge in den Nationalpark. Das war eine ganz ordentliche Abfertigung, die hier statt fand. Natürlich gibt es in solchen Gegenden auch immer Campingplätze. Den ersten den ich ansteuerte, kehrte ich auch sofort den Rücken. Er war einfach zu groß und einige hundert Meter weiter war ein netter kleiner Zeltplatz, wo Wohnmobile und Zelte gut voneinander getrennt waren. Nach dem ich es mir einmal gemütlich eingerichtet hatte, nahm ich an einem Freilufttisch platz und schnitt mir meine Jause auf. Kurz darauf gesellten sich einmalig nette junge Franzosen zu mir, die auf neue Gesellschaft aus waren. So umfranzösische Franzosen hatte ich bis her noch nicht kennen gelernt, vielleicht lag es daran, dass sie eine neue junge Generation waren und nicht so sehr auf ihre Nationalität pochten. Mit einer Flasche Jägermeister waren sie gut versorgt und wir tranken den ein oder anderen Schluck, während sie am Gaskocher ihr Abendessen zubereiteten. Es wurde schon dunkel und die Menschen rund um den Tisch immer mehr. Es waren noch Polen gekommen und ich weiß nicht mehr wer aller, aber jeder hatte seine Geschichte zu erzählen. Mich freut es immer sehr, wenn ich sehe wie Europe eigentlich im kleinen sehr gut funktionieren kann.

Wieder war eine Nacht in meinem Zelt um und am nächsten Morgen das ewig schöne Ritual. Gaskocher zusammengesteckt, Espressomaschine gefüllt und die Flamme erledigt den Rest. Seit meiner ersten Reise habe ich heute immer noch das gleiche rotweiß karierte Stofftuch, mit dessen Hilfe ich die heiße Kanne vom Kocher hebe. Griff hat sie nämlich keinen mehr. Meine Zeltnachbarn an diesem Morgen war eine Frau aus Deutschland mit ihren beiden Kindern. Sie war eine junggebliebene Reisende und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. So ein freundlicher Campingplatz mit so freundlichen Menschen! Vor lauter guter Laune vergaß ich fast zu zahlen, hielt aber noch rechtzeitig und drehte um. Das war mir fast peinlich und ich frage mich, was die Konsequenzen währen.
Zurück auf der Straße ging es seitlich der Hauptstraße eine unscheinbare Abzweigung, die aus dem Tal raus führte. Enge kurven und der Straßenrand dicht mit Blumen und Büschen verwachsen, der Wald licht und zwischen drinnen immer wieder Saftige Wiesen. Kleine Holzhäuser fügten sich in diese ursprüngliche Landschaft. Hier war es so friedlich und das gefiel mir sehr gut. Nach einem Tankstopp parkte ich meinen Roller vis a vis an der verschlossenen Einfahrt einer stillgelegten Papierfabrik. So gerne hätte ich diese erkundet, der Zaun stellte kein wirkliches Hindernis dar. Allerdings wollte ich auch kein Risiko mehr eingehen und war eigentlich mit dem alten Stahlwerk in Albanien ausreichend glücklich. Nach der Stärkung ging es für mich weiter und auf meiner Karte hatte ich Rijeka anvisiert. Obwohl die Stadt so klein ist mag ich ihren Hafen und die breite Straße entlang sehr gerne, die wuchtigen alten Häuser in erster Reihe runden das Bild für mich ab. Nun hatte ich zwar mein Ziel für den heutigen Tag gefunden, aber da war wieder einmal die Sache mit der Landkarte. Den Ausschnitt der in Kastoria gekauften Karte, hatte ich wieder einmal verstreut und das einzige was mir blieb, war das übrige Rundherum des gesamten Europas. Was solle, sagte ich mir. Rijeka würde ich so auch finden und die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich in Istrien verirre, war verschwindend gering. Eigentlich machte es dann auch richtig Spaß, im wahrsten Sinne Plan-los unterwegs zu sein. Abwechselnd hielt ich zum Tanken oder um einen Kaffee zu trinken. Rijeka war gut ausgeschildert und der Roller lief zuverlässig wie am ersten Tag.
Nach und nach hatte ich schon dass Gefühl, Meeresluft zu schnuppern und die Pflanzenwelt begann sich auch zu verändern. Es wurde karstiger und die Straße bahnte sich langsam auch ihren Weg bergab. Die letzen Kilometer waren viele Serpentinen zu fahren und die Sonne brannte endliche wieder einmal herunter. Nachdem ich die Vorstadt durchquert hatte, bot sich für mich ein vertrauter Blick, die Hochhäuser am Hügel hinter der Altstadt zeigten sich mir, eingerahmt von saftigen Bäumen und Sträuchern.

Rijeka, Kroatien.
Rijeka, Kroatien.

Etwas hungrig rollte ich zwei Runden durch die Altstadt und den Hafen aber wollte auf Anhieb nichts finden, ausser schlussendlich einen Sandwich-Laden. Der Burger war eher ein klassisches Pljeskavica im Weißbrotwecken und der Nudelsalat auch nicht ganz der Riss. Die Stimmung in der Stadt war generell eigenartig. Nach der eher zweckmäßigen als genüsslichen Stärkung fuhr ich die Küste entlang nach Opatija, wo ich mein Zelt aufschlug. Der Campingplatz war sehr okay, nicht ganz billig aber hatte Zugang zu einem kleinen Schotterstrand. Es war erst Nachmittag und ich hatte genug Zeit um mir die Beine zu vertreten. Nach einem Sonnenbad und einer erfrischenden Dusche machte ich mich ohne Gepäck auf den weg und fuhr die umliegenden Ortschaften ab. Hier ein Eis, dort noch einen schnellen Kaffee und eine Flasche Bier, für die gemütliche Rast auf einer Bank am Gehweg neben dem Strand. Dieser Weg schlängelte sich entlang des Meeres von einem Ort zum anderen. Dem entsprechend waren auch viele Menschen unterwegs und ich genoss den Chic der Touristen. Am Weg zurück wurde noch Proviant eingekauft und siehe da, meine jungen Zeltnachbarn, ein Paar aus Deutschland, freuten sich darüber, als ich fragte ob ich ihnen beim Essen Gesellschaft leisten darf. Alleine Essen ist, wie ich so gerne sage, einfach ungesund. Ihnen gefiel diese Einstellung sehr und wie schon am Abend davor waren es nette Gespräche und Geschichten, die wir austauschten.

Am kommenden Morgen war am Parkplatz vor dem Campingplatz ein Flohmarkt. Menschen verkauften ganz einfachen Trödel und zum Teil natürlich Kuriositäten. Ich fand mir endlich einmal ein Ladegerät für mein Telefon, denn das Aufladen über die Boardbatterie hatte noch nie so wirklich funktioniert. Für zwei Euro ein Schnäppchen, leider war das Ladegerät ein halbes Jahr später aber unreparierbar kaputt. Ohne Landkarte aber mit einem guten Gefühl machte ich mich auf den Weg und wollte einmal Richtung Süden der Halbinsel. Nach dem ich mich unbeabsichtigt auf die Autobahn verirrt hatte, nahm ich einfach die übernächste Abfahrt um zu sehen wo es mich wieder ausspuckt. Es war lustig, denn ich war mitten in den Bergen. Die Straße führte in engen Kurven bergauf und bald fand ich ein nettes kleines Café an der Ortseinfahrt eines kleinen Dorfes. Von dort aus ging es nur mehr nach Gefühl weiter und dementsprechend ging meine Reise zig zag durchs Land. Nach einem spontanen Linksabbieger führte mich die Straße in ein die kleine alte Stadt Motovun. Für die Zufahrt mit dem Auto musste man zahlen, Zweiräder waren frei von der Maut. An der Friedhofsmauer parkten schon ein paar Motorräder und ich stellte meinen Roller dazwischen ab. Die mittelalterliche Stadt war total kitschig und malerisch, überall waren kleine Geschäftet und Restaurants. Das Besondere daran, es wurden überall Trüffel verkauft und alles was damit zu veredeln war. Vom Öl über Salami und Käsen, alles was einen so einfällt. Das scheint hier fast wie Wasabi zu sein. Wer sich jetzt fragt wie ich da einen Zusammenhang sehe, dem sein eines erklärt. Mir ist vor eineigen Jahren aufgefallen, dass die Marktstände am Naschmarkt in Wien auf das Wasabi gekommen sind. Vermehrt gab es alle möglichen Produkte mit diesem grünen Rettichpulver versähen. Grüner Humus mit Wasabigschmack, Kichererbsen mit Wasabigeschmack, Wasabi mit Wasabigeschmack. Auch waren die Kartoffelchips-Hersteller auch bald auf den Geschmack gekommen und boten diese Geschmacksrichtung an. Es war fast so, als würde sich alles verkaufen, was grün eingefärbt war und am Gaumen brannte. Na gut, ich glaube ich habe mich da auch ein bisschen auf diese Sache eingefahren, aber das Angebot an Trüffelprodukten war ähnlich und es roch nach der selben Strategie. Nach dem ich meine Runde gedreht hatte wollte ich dann plötzlich doch nicht in das Restaurant, welches mir ins Auge gesprungen ist, sondern es Gab Ćevapi mit Pommer und viel Ajvar. Es war ein Traum und der Imbiss hatte genau den Platz mit Ausblick hinunter ins weite Tal. Während des Essen fragte ich mich, ob vielleicht eine Trüffel über die Ćevapi´s drüber dem Ganzen die besondere Note verliehen hätten oder ob das dann schon dekadent ist. Na auf jeden Fall hab ich mir das für die Zukunft schon vorgenommen, wenn sich die Möglichkeit einmal ergibt. Nach dem reichlichen Mahl war ich natürlich wieder wie gerädert, obwohl ich ja wusste was mich erwartet und das Essern der Champions doch deutlich anders aussieht.

Ich tingelte weiter durchs Land und hatte nur in Erinnerung, das ein Teil meiner Familie, der der nämlich auch eher viel reist, öfters einmal von Medulin gesprochen hat. Das war für mich schon Grund genug dort hin zu steuern. Als ich dann schlussendlich dort ankam wollte ich eigentlich auch gleich wieder weg. Unheimlich viele Menschen, mehrere gigantische Campingplätze und alles nicht für einen Reisenden wie mich ausgelegt. Einen Moment später fand ich mich sogar in einer Touristeninformation wieder und kam mit einer auf hochglanz gedruckten Karte der Umgebung wieder heraus. Jetzt sollte mir aber wirklich noch etwa gutes einfallen. Ein wiener Barbesitzer hatte mir vor Jahren auch einmal von seinem Urlaub in Istrien erzählt und zwar genauer gesagt von der südlichsten Spitze, Premantura. Das hielt ich jetzt einmal für die beste Idee und schließlich war das ja wirklich gleich ums Eck. Dort fand ich wieder einen riesigen Campingplatz mit unverschämten Preisen vor. Leider ist mir aufgefallen, dass Kroatien wirklich teuer ist, im vergleich zu anderen europäischen Mittelmeerländern. Lustig war aber die Argumentation mit dem jungen Campingplatz-Kassier. Nicht nur, dass ich die Preise eine Wucht finde, sondern auch, dass ich ja nur auf der durchreise sei mit meinem Micro-Zelt und Roller. Er fand dann auch, dass ich nicht ganz unrecht hatte mit den Preisen und meiner Position und bot mir an, das Ganze ohne Rechnung zu machen. Das konnte ich doch wirklich nicht abschlagen und wir waren im Geschäft. Zumindest das funktioniert hier noch unglaublich gut. Nach der üblichen Runde euch den Campingplatz fand ich mitten in dem Föhrenwaldstück einen Platz, der sich gut anfühlte. Der Campingplatz selber hatte ja alles was so dazu gehör. Tennisplatz, Volleyball, Kinderdisco, Restaurants und einem direkten Zugang zum Meer mit eigenem Hafen. Dazwischen war ich auf meinen 2,5 Quadratmeter. Sowie ich meine Residenz aufgebaut und alles verstaut hatte, schwang ich mich wieder in den Sattel und machte mich auf den Weg zum südlichsten Punkt von Istrien. Für die letzten sechs Kilometer, dem Naturschutzgebiet, zahlt man Eintritt und muss gegen 20:00h wieder verschwunden sein. Über ein sehr holpriges und äußerst staubiges Wegenetz gelangt man entweder in die kleinen Buchten oder eben in die Safari Bar, ein verworrener Abenteuerspielplatz mit einem Hauch von Piraterie und das alles in dem Schilfgürtel vor der Klippe. Natürlich als Zentrum des Geschehens die Bar selber. Kinder und Erwachsene tobten auf Riesenschaukeln und Ringelspiel, alles aus alten Holzplanken und Mooringleinen zusammengeschustert. Das Ganze hatte einen gewissen Thai-Style, für diejenigen die schon mal in Thailand waren sollte klar sein was gemeint war.

Mir war die Bar und der Zirkus eher herzlich egal, ich suchte mein Glück zwischen den Klippen. Die Gesteinsschichten laufen in schräge Stufen langgezogen ins Meer und bieten einem guten Schutz vor dem Wind. Auf meinem kleinen Leinentuch kauerte ich mich in deine der Stufen und legten mein Bein auf der nächsthöheren gemütlich ab, die Abstände waren anatomisch auf mich abgestimmt. Von hier aus sah ich auf eine kleine Insel hinaus, auf der ein wunderschöner großer Leuchtturm stand. Segelboote und unzählige Seevögel fügten sich stimmig in das Bild ein und ich träumte bis zum Sonnenuntergang vor mich hin. Ab und zu schrie zwar ein Kind herum oder modisch gekleidete Teenagergirls kicherten beim Selfies fotografieren oder dem Klassiker, der Schnappschuss beim Luftsprung. Trotz dem passte es für mich einfach gut und im Stillen verabschiedete ich mich schon langsam vom Meer und vom Balkan, den ich die letzen Wochen auf intensive Weise kennengelernt hatte. Und ja es stimmt, der Balkan beginnt in Wien.

Zurück am Campingplatz verputzte ich noch einen Börek und ein Bier und beobachtete das Treiben der anderen. Die letzten Boote kehrten in den Hafen zurück und Familien wanderten zu den Restaurants um Abend zu essen. Mir war klar, dass ich morgen schnell wieder weg war. Bis zum Wochenende in Triest hatte ich noch einige Zeit und eigentlich hätte ich mir gern einen Platz gefunden, an dem ich gerne länger bleiben wollt. De blieb mir jetzt nur das Eine, ich klapperte die Westküste ab und versuchte da mein Glück. In Pula drehte ich lediglich einen Ehrenrunde wobei ich den Hafen und die Arena sah. Tourist im vorbeifliegen, so zu sagen. Ganz stimmig war mein Gefühl hier auch nicht und es zog mich weiter.

Also war Rovinj mein nächstes Ziel und was soll ich sagen. Hier war ich wie zu Hause. Meinen Roller stellte ich auf einem Parkplatz gleich neben dem Portierhäuschen ab und hatte eher keine Bedenken, mein Gepäck am Roller zu lassen. Praktisch war auch, dass das Parken mit Zweirädern wieder einmal um sonst war. Zu Fuß machte ich mich auf den Weg in die kleine aber feine Altstadt mit ihren engen Gassen. Sehr hungrig war ich noch nicht und auf der suche nach einem guten Kaffee stolperte ich in eine kleine Bar. Die hatten zwar keine Kaffeemaschine aber meine Sensoren schlugen trotzdem an. Es war der unterschwellige Geruch von verschütteten hochprozentigen Alkohol von vielen Jahren, das unterschwellig speckige der Wände, kalter Tabakgeruch und eigentlich keine zwei gleichen Tische vor dem Lokal. Das alte Maschinengewehr, der Granatwerfer und die Stahlhelme fielen mir erst beim zweiten und beim dritten Blick auf. Farbfotos von jungen Männern in Uniform hingen an der Wand und das ein oder andere Relikt des letzten Krieges. Ich befand mich in einem Vereinslokal der Veteranen, dass quasi für jeden Besucher offen ist und von Nachmittag an Getränke ausschenkt. Essen gibt es auch, das wird aber vom Restaurant schräg gegenüber geholt. Eine super Kooperation im Ganzen gesehen. Nach diesem flüchtigen Blick sagte ich dem Wirt, ich würde noch einen Kaffee trinken gehen und am Rückweg komme ich noch mal vorbei. Nach einer kleinen Runde war ich eine Stunde später wieder in der Gasse, ohne das ich hin finden wollte. Rovinj ist so klein, egal wo du hin gehst, du kommst immer überall vorbei. Mittlerweile tümmelten sich schon ein paar Gäste, auch Touristen saßen bei einem Getränk und der schnauzbärtige Wirt freute sich, mich wieder zu sehen. Während dem ich eine Bier trank und er mir vom Restaurant mein Essen holte, fing ich an die Gäste zu beobachten. Einige waren Österreicher, ein paar andere offensichtlich dem Vereinslokal zugehörige, die sich aber zum Teil schon besser kannten. So analysierte ich für mich das soziale Gefüge und verspeiste zur Abwechslung Kalamari Fritti, statt den üblichen Ćevapi. Ich zahlte und bekam nicht nur mein Wechselgeld, sondern auch einen ordentlich eingeschenkten Slivovitz. Weil ich vorhin das Lokal als ranzig und speckig beschrieben habe, es sei hier mit zu sagen das es da solche und solche Bars gibt. Die einen sind einfach nur grauslich, die andern konzentrieren sich einfach nur auf das wesentliche. Gut eingeschenkte und wohl temperierte Getränke in sauberen Gläsern. Dass konnten sie hier und das roch ich auch schon bevor ich durch die Tür war. Begeistert von dem klaren Brand bestellte ich noch welchen zum Mitnehmen und bekam eine schlanke dreieckige Flasche, frisch befüllt. Das war dem einen oder andern nicht entgangen und ich erntete interessierte Blicke. Nach dem ich noch nach Möglichkeiten gefragt hatte, wurde mir ein Campingplatz gleich am Stadtrand empfohlen, welcher dann auch für die nächsten Nächte mein Zuhause war. Eigentlich war die Bar mein Zuhause und der Campingplatz eher mein Schlafzimmer.

Abends war ich dann frisch geduscht wieder zurück und man begann sich langsam mit dem gegenseitigen beschnuppern. Vater und Sohn standen abwechselnd hinter der Schank und ein Ehemaliger spielte den Springer, wenn die andern beiden sich wieder einmal mit Freunden verplaudert hatten oder genüsslich eine Zigarette rauchten. Das Publikum an diesem Abend war auch höchst Interessant. Es waren fast alles versehrte Steirer. Wie soll ich das schnell klar stellen, damit es nun zu keinen Missverständnissen kommt? Also in Rovinj wurde, ich glaube zu Kaiserzeiten schon, ein Krankenhaus errichtet, welches auch Kurzwecke erfüllt. Heutzutage werden hier Menschen kuriert, welche an körperlichen Behinderungen leiden. Im Fall der Steirer waren es Leute, die durch Arbeitsunfälle ihre Arme, Beine verloren oder ganz Querschnittsgelähmt war. Diese Aufklärung war wichtig, denn ich hatte schon einen dringenden Verdacht, da ich am Nachmittag am Weg zum Campingplatz und zurück in die Altstadt auffällig viele Menschen in Rollstühlen gesehen hatte. Also saß ich nun hier, umgeben von den Steirern in ihren high-tech Rollstühlen und mit ihrem derben Humor. Ich selber bin ja etwas schmerzbefreit, was Witze mit schlechtem Nachgeschmack und schwarzen Humor betrifft, aber die, das war eine Liga für sich. Man sagt ja, dass die jeweilig betroffenen Gruppen, Witze über sich selbst machen dürfen, welche Aussenstehenden gänzlich verboten seien. Allerdings war die Art und Weise, wie die Versehrten über sich und andere scherzten, unterhalb der mir bekannten Gürtellinie. Aber gut, ich kann mich ja schnell auf so was einstellen und stempelte das alles als schlechtes Kabarett ab. Was an der Situation aber bemerkenswert lustig war, die Gäste wussten mit mir nicht so recht wo hin. Einerseits kannten sie mich jetzt nicht, aber trotzdem war ich mit meinem optionalen steirischen Spracheinschlag vorne mit dabei. Was vier Jahre Hauptschule in Mariazell also so alles bringen können, glaubt man ja gar nicht. Für den heutigen Abend hatte ich dann aber auch schon genug vom Sozialisieren und kennenlerne, es soll ja nicht gleich alles Pulver verschossen werden. So kam es wie es die Vorsehung so wollte und ich ging jeden Abend in die Vereinskneipe um zu Essen, trinken und spaß zu haben. Am Ende wurde ich in der Bar nicht nur als zahlender Gast respektiert, sondern auch als jemand, der den richtigen Riecher hat. Die Nachmittage verbrachte ich damit, unter drei dichten Föhren am Strand zu liegen und zu dösen. Hier konnte ich die Seele baumen lassen und mein Abendteuer ausklingen lassen.
Wenn es so schön ist geht die Zeit ja bekanntlich sehr schnell vorbei und der Freitag war gekommen. Am Vorabend hatte ich mich noch verabschiedet und versprochen, wieder zu kommen. Wenn der Wind richtig weht, wird das schon in den kommenden Wochen der Fall sein.

Rijeka, Kroatien.
Rovinj, Kroatien.

Rovinj, Kroatien.

Die Etappe rauf nach Triest war ein Katzensprung und an einer Tankstelle kaufte ich einen Sack Eiswürfel. Knapp die Hälfte hatte ich ausgeleert um für die Flasche Slivovitz Platz zu machen. Diese verstaute ich im meiner Satteltasche. Wenn ich dann auf dem Vespatreffen ankomme, würde der Klare schon gut runter gekühlt sein. Du kannst ja nicht jemanden auf einen Warmen Schnaps einladen, wie sieht dann das aus? In Triest angekommen hielt ich um einen Kaffee zu trinken und ein Panino zu essen. Wo genau das Treffen sein sollte wusste ich nicht, nur dass es eben nördlich der Stadt sein soll. Während ich rastete fuhren schon das eine oder andere Rudel Vespisti durch die Stadt und ich dachte mir einfach, beim nächsten Verdächtigen hänge ich mich einfach an. Gedacht, getan! Schneller als ich glauben konnte folgte ich einer auffällig bunten PK50 und die Richtung schien mir zu passen. Bei den Kreisverkehren und Abzweigungen war der Weg nun auch ausgeschildert und ich abfand mich kurz darauf am Sportplatz von Opicina. Die üblichen Verdächtigen waren auch schon da und einige würden noch folgen. Ich hielt etwas smalltalk und wurde von einem Mann unterbrochen, der auf meinen Roller deutete. Ich glaube es war ein Deutscher, der ganz hektisch meinte: „Da tropft was bei deinem Roller, du verlierst da sicher Treibstoff oder?“. Kurz widmete ich mich meiner saftelnden Satteltasche und zauberte aus dieser den Sack mit dem schmelzenden Eis. Hokus Pokus, eins, zwei, drei, so zauberte ich eine Flasche heraus und meinte schon, dass das alles etwas mit Treibstoff zu tun hatte, aber nur im entfernten Sinn. Auf den Schrecken hin flößte ich dem Deutschen einen Kurzen ein und die Runde am Tisch kam auch nicht zu kurz. Egal was tu tust, immer einen guten Eindruck hinterlassen. Das ist eine ganz wichtige Benimmregel für Reisende.

Was soll ich jetzt eigentlich noch schreiben, das hier ist kein Bericht über ein Rollerfahrertreffen, also spare ich hier die Worte. Am Montag Morgen ging es über Slovenien zurück. In Leibach waren wir noch beim Vespa-Club-Präsidenten zum Frühstücken eingeladen, was mir sehr gut passte. Ein netter Kerl der sehr gut deutsch sprach und alles andere als ein oberflächlicher Mensch war. Den Weg von Triest zurück wurde ich von meinem Werkstättenkollegen begleitet und vor Graz trennten sich unsere Wege. Die Strecke durch das Murtal war wunderschön zu fahren und ich mochte das vertraute Gefühl, die mir die Landschaft vermittelte. In meinem Elternhaus angekommen schnappte ich mir die Badesachen und nutzte die letze sonnige halbe Stunde um im Stausee baden zu gehen. Diese Erfrischung war genau das richtige nach einem langen Tag am Roller. Am nächsten Tag fuhr ich natürlich nicht direkt nach Wien, sondern traf mich mit meine Schwester und den Kindern in Greifenstein zum Baden. Es war lustig, denn ich konnte uns ja mit dem Campingkocher einen guten Espresso kochen und wir lagen gemütlich im Schatten und genossen das Leben. Für mich war die langsame Annäherung an Wien sehr angenehm und es war schön, gleich einmal seine Familie getroffen zu haben. Meine Freunde warten dann schon in der Stadt.

Das war´s also, gut ist´s gegangen und nichts ist passiert. Mein Roller wollte nur Benzin und Öl und hat wirklich alles mitgemacht und nicht ein einziges Mal eine Schwäche gezeigt. Ich habe mir nun einen eigenen Eindruck vom Balkan machen können und kann sagen, er ist mir sympathischer als je zuvor. Mit dem Reisebericht habe ich wieder meine Erfahrungen niedergeschrieben und die Fotos helfen mir immer einmal wieder, wenn mich das Fernweh packt. Im übrigen muss ich mich für die lange Schreibpause entschuldigen. Mir war eine Zeit lang die Lust daran vergangen und das Leben hatte andere Dinge mit mir vor, die im ersten Moment gar nicht so angenehm waren. Leider hat meine damaliger Arbeitgeber die Firma in Insolvenz geschickt und somit habe ich gerade keine Anstellung. Dafür habe ich aber gerade Zeit zu reisen und sitze täglich in einem der netten Cafés an der italienischen Riviera und schreibe am Reisebericht weiter. Auch bin wieder fleißig am Filmschneiden, denn da ist auch noch so einiges liegen geblieben, das letze halbe Jahr. Also auch wenn das Leben wieder einmal was mit dir vor hat, es lässt sich drehen und wenden und aus einer Perspektive schaut das Ganze immer irgendwie gar nicht so übel aus. Wenn ich jetzt noch sage, dass ich im Anschluss noch zwei Wochen Kroatien dran hänge, kann ich mich gar nicht beschweren. Für einen Reisebericht wird das aber nicht reichen, ein paar Fotos gibt es aber mit Sicherheit wieder.

Ende vom Gelände, aus die Maus und die Geschichte ist jetzt aus.

Imperia, Italien.
Imperia, Italien.

(Die letzten Tagesetappen werden noch nachträglich auf der Karte eingetragen.)

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